ich sollte öfter schreiben. zeit dazu ist genug da, bevor sie elendig im nichtstun verkümmert. wir saßen zusammen. dein und mein weg treffen sich hin und wieder. manchmal begleite ich dich. und es geht für jeden von uns schritt für schritt weiter. komm lass uns was draus machen, hören wir immer wieder. aber was? vielleicht einfach nur schnell weg von hier und irgendwo versuchen sein leben zu leben. wo man zuhause ist. doch dafür muss man erst wissen was zuhause ist. ist zuhause ein ort, ein flüchtiger augenblick?
und damals da am see wir beide barfuß bis zum hals. wir lagen uns in den armen und der rest war scheißegal, singt ein freund. der rest sollte mal wieder scheißegal sein..behalte die momente, deine träume. und fahr einfach mal volle fahrt voraus, kapitän..und während die möwen kreisen, verschlingen die wellen die rätsel, die du nie verstanden hast. und irgendwie wird dir klar, dass die rätsel niemals rätsel warn, sondern einfach nur ängste.
und in der weißen gischt erkennst du ein gefühl, welches du anderswo nicht kanntest. vielleicht bist du angekommen?
kritzkrotz - 22. Dez, 17:12
ein außergewöhnlicher ort keramischer wohlfühlerlebnisse unserer heutigen zeit ist wohl die toilette. ich wage zu behaupten, dass sich dort die menschheit in ihren sonst unterschiedlichsten verhaltensweisen einander annähert. beginnen wir mit einer öffentlichen toilette, die sich z.B. in einem kaufhaus befindet. wenn der körper einem unverzeihlich das alarmsignal für ausscheidung mitteilt, während man gerade die neu eingetroffenen burberry pullis bei h&m anprobiert oder im doulgas prügel-prinzessin campbells parfüm aufsprüht, versuchen wir trotzdem mit allen muskulären mitteln sowie gedanklicher ablenkung an die erfolgreiche, weitere shopping tour oder vergangene und zukünftige urlaubsausflüge, dieses zu übertünchen, um in heimatlicher gemütlichkeit sein geschäft zu verrichten. manchmal allerdings treibt einem die stärke dieses warnsignals den kalten angstschweiß auf die stirn. aus völliger ratlosigkeit, die aus der aktuellen situation hervorgeht, schmeißt man erstmal alles angefangene hin und schweift erst einmal bein an bein reibend hektisch durch den laden. verwandelt sich allerdings die angst in panik und der schweiß in schmerz, muss man wohl oder übel seinen gedanken freien lauf lassen und das ansässige wc aufsuchen. der wegweisenden pfennig (heute cent)-frau mit den gelben handschuhen folgend tritt man in eine vollkommen ungewohnte atmosphäre olfaktorischer und visueller unreize. nachdem man die dritte türe einer toilette mit der berühmten zwei-finger technik (wohlhabende menschen nutzen hier gummihandschuhe) öffnete und endlich auf vorhandenes klopapier stößt, tritt man ein und schließt mit anschließender kontrolle des abschlussmechanismus ab. ein tiefer blick in die schüssel lässt auf die richtige wahl des klotor 3 hoffen. mit dem einlagigen, ökologischen klo-schmirgel-papier, welches sich beim abreißen aufgrund keiner vorhandenen abreiß-perforierung in nicht nutzbare, meterlange fäden spaltet, legt man mehrlagig den rand der brille aus. hier muss ich immer sagen: ich scheiß auf die umwelt und nicht für sie, also könnte wenigsten für angenehmen toilettenpapier-komfort gesorgt werden. aber pustekuchen und weiter im geschäft, wird ja auch langsam dringend. vorher ist allerdings die unterscheidung zwischen balkon- und plumpsklo nicht zu vergessen. sollte man sich nicht in balkonien befinden, baut man sich aus weiterem klopapier eine art puffer den mal vorher schonmal als spürtrupp hinein wirft. somit bleiben einem unangenehme wasserspritzer in ungewohnte körperregionen sowie für andere deutlich lokalisierbare geräusche erspart. anschließend vollführt man in gewohnter, aber verkrampfter manier sein geschäft und belustigt sich mit klosprüchen längst vergangener tage. hat man eine ebenfalls praktizierende nachbarschaft kann man, falls möglich, die schuhgröße und preise erraten oder im kopf eine schuh-person zuordnung durchführen. hat der nachbar keinen dieser puffer bei sich eingebaut, kann man auch mal das alter und den gesundheitszustand des nebenans ausspekulieren. nach getaner arbeit kommt man erst gar nicht auf die idee die klobürste zu benutzen und hofft einfach auf ausreichende spülkraft. mit einem ohr an der tür erlauscht man, ob die luft davor rein ist. hierbei sollte man nur das ohr benutzen und nicht die nase. in windeseile verlässt man den fälschlicher weise genannten ort der stille und greift bei plötzlichem eintritt einer weiteren person an den hosenschlitz, um eine vermeintliche pissoir nutzung vorzutäuschen. sollte man keinen zahnarzt termin haben und außerordentlich neugierig sein, wäscht man sich ein wenig länger die hände, um den im bereits kennen gelernten nachbarschuh steckenden körper mit seiner vorstellung zu vergleichen. jubelschreie bei richtigkeit könnten allerdings ihr gegenüber an diesem ort erschrecken und verunsichern. also verlässt man nur schmunzelnd oder tränend den raum und wirft je nach dem ob die spülstärke ausreichend war oder nicht, der klofrau entweder mehr oder weniger münzen hin. einem ausgiebigen einkauf steht nun nichts mehr im wege, es sei denn die parkuhr ist abgelaufen.
ähnlich verhält es sich bei einer toilette beim besuchten freundeskreis. hier sind faktoren wie alt- und neubau entscheidend, da man in einem halbwegs sozialisiertem haushalt einen relativ reinen ort ohne die berühmte hepatitis b-rille vorfinden kann. allerdings können auch hier vorsichtsmaßnahmen wie puffer und auslegung der brille nicht schaden. wird auch hier wie auf öffentlichen toiletten die umwelt über das klopapier gestellt, befinden sie sich im falschen freundeskreis und sollten die flucht durchs toilettenfenster ergreifen. auch ein wichtiger faktor ist die zeit. in angenehmer gesprächsrunde fällt es auf, wenn man längere zeit fehlt und so steht man unter zusätzlichem druck, den man nicht unterschätzen sollte. sollte das klo in einer altbauwohnung direkt neben dem wohnzimmer anschließen, machen einem auch die 1,5 mm dicken papierzimmerwände zu schaffen. unter zeit-, körper- und wändedruck versucht man möglichst leise mit gezieltem einsatz entscheidender muskeln seine aufgabe zu erledigen. wahlweise zum puffer kann man auch den berühmten zwischenspüler anwenden. da passt ganz gut der satz, dass man im entscheidenden moment auch mal los lassen muss. man umgeht unangenehme geräusch- und geruchsituationen. bei der rückkehr in die runde spricht man dann noch von einem zusätzlich zum klogang geführten telefongespräch, um die beanspruchte zeit etwas zu legitimieren. das handy sollte man also zu klogängen unbedingt mitnehmen.
zum abschluss bleibt zu sagen: zu hause ist es am schönsten, aber nach diesen überlegungen doch irgendwie langweilig...
kritzkrotz - 18. Nov, 14:46
Regie: Michel Gondry
Drehbuch: Michel Gondry
Darsteller: Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Emma de Caunes, Aurélia Petit, Sacha Bourdo
Regie: Ingmar Bergman
Drehbuch: Ingmar Bergman
Kamera: Sven Nykvist
Darsteller: Liv Ullmann, Max von Sydow, Sigge Fürst, Gunnar Björnstrand
Der Träumer. Ein fantasiebegabtes Wesen. Leidenschaftlich. Ein Kind, dass es geschafft hat, (fast) allen langweiligen Begleiterscheinungen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt, aus dem Weg zu gehen. Du und deine Welt. Komm mich mal besuchen, sei fasziniert und auch ein bisschen verliebt. Diese vielen bunten Farben, kein Ufer und keine Grenzen.
Kennst Du die "Belastungssituation"? Kommst Du nicht mit ihr zurecht? Läufst Du mit dem Kopf durch die Wand. Triffst Beschlüsse, die jeglicher Vernunft entbehren. Die ach so sympathische Unlogik nervt. Verursacht Katastrophen. Der ungebetene Verwandte des Traumes klopft und tritt ein, die Psychose sagt "Guten Tag" und setzt sich auf die Couch.
Die Belastung verschärft sich. Du rennst rum und machst schlimme Sachen. Das Kind denkt nur an sich. Jäh in die Realität zurück geworfen, versucht es, den Kopf tief in den schützenden Arm der Mutter zu drücken. Hier ist es noch warm, sollen sie ihr doch das Gesicht zerfetzen, mir ist es gleich. Hier ist es warm.
Die Situation erfordert den Entschluss zum Handeln. Der Träumer handelt auf seine Weise, konfus, nicht nachvollziehbar, schrecklich. Das Kind bringt den Tod, wenn es muss. Denn es ist seine Welt, eine andere kennt es nicht. Die Regeln sind festgesetzt, denn ja, es gibt Regeln im kindlichen Paradies, zumindest die eine,
Keep your borders clean.
pablohonig - 26. Sep, 09:45
Wenn man erkennbar alles richtig macht. Der Kritiker lobt und singt und schreibt die Rezensionsion zur Platte des Monats. Einen ganzseitigen Artikel im Kulturressort der
taz. Und trotzdem muss eine Band immer noch Zeilen singen wie hier:
Als der Anruf kam war sowieso schon klar
Dass es so nicht mehr lange geht
Die Absatzzahlen waren zwar schon vorzeigbar
Jedoch noch immer unter'm Break
Sie sagten "Früher hätten wir's nochmal probiert"
Und ihre Stimmen wurden kalt
Doch die Krise der gesamten Industrie
Macht auch vor Sympathien nicht halt
Oh, diese Sätze machen alt
Nicht wichtig, dass dieses Lied vom letzten Album ist. Ändern wird sich nichts.
Wenn man doch nichts falsch gemacht hat. Intelligenz und Arsch, seit wann geht das nicht? Deutsche Sprache? Wo doch seit ein paar Jahren aus jeder Ecke peinliche Geradeso-Studenten ihre leeren Worthülsen in mies getimten Reimzeilen durch den Äther laufen lassen. Die Kopie einer Kopie einer... Hey, Eigenständigkeit, Baby! Eine Gitarre ist eine Gitarre ist eine... Hey, kling doch auch mal danach!
Bis irgendwann vielleicht...
...bis dahin noch in Clubs, die fast noch Proberäume sind.
pablohonig - 23. Sep, 17:10
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
Kamera: Roger Deakins
Darsteller: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson , Kelly Macdonald, Garret Dillahunt
Kein Land für Musik.
Kein Land für lange Sätze. Wer spricht schon gern, wenn der heiße Wüstenwind den Mund austrocknet und die Zunge verdorren lässt?
Kein Land für entgleiste Gesichtszüge. Tommy Lee Jones behauptet, schon mal gelacht zu haben. Es könnte gelogen sein.
Kein Land für aufrechten Gang. Wenn man genug vom hässlichen, unverständlichen Genuschel seiner Mitmenschen hat, wenn man jahrelang vergeblich die Gesichtsmuskeln nach einem Zucken abgesucht hat, erfindet man andere Wege der Kommunikation. Dort unten auf dem Boden wird gesprochen, mit Fußabdrücken, Reifenspuren, Glassplittern und immer wieder Blut, auf dem Teppich, im Sand, auf dem Asphalt. Die Semiotik berauscht sich am Tod.
Eine gute Stunde ist
No Country for Old Men der kongeniale Zwilling von
Fargo, getrennt durch einen bösen Zufall und in der heißen Wüstenluft des Südens der USA aufgewachsen. Trotz guter Erziehung haben sich die versauten Gene durchgesetzt.
Kein Land für Ehre. Diese Gegend war Schauplatz von so vielen verwitterten, aber moralisch einwandfreien Einzelgängern, die skrupellosen Banditen ihr Leben lang die Gerechtigkeit zugeführt haben, die sie (verdammt noch mal) verdienten. Die Luft hatte immer schon den Geschmack des herannahenden Todes, aber sie roch sauber nach Pistolenduellen, nicht faulig wie das Messer im Rücken. Die Illusion der Moral von gezogenen Waffen ist fortgewischt, die alten Helden schauen hilflos zu, wie Javier Bardem als psychopathischer Killer in aller Seelenruhe demonstriert, dass es das alte System nicht versteht, mit diesem neuen Typus umzugehen. In der Wüste erklingt immer noch das Lied vom Tod, aber in anderen Variationen, als dreckige Mordballade, immer noch meditativ, aber ohne Glauben.
Ich muss noch was von der zweiten Stunde erzählen. Die hat mir nicht gefallen. „Catch me if you can“-Gehopse durch schäbige Motelzimmer., Taktwechsel, Ortswechsel, Plotwechsel. Es wird hektisch, es wird langweilig. Ein Film wehrt sich gegen das „Fahrt aufnehmen“ seiner Schöpfer.
pablohonig - 16. Sep, 10:42
Regie: Ingmar Bergman
Drehbuch: Ingmar Bergman
Kamera: Sven Nykvist
Musik: Lars Johan Werle
Darsteller: Max Von Sydow, Liv Ullmann, Erland Josephson, Ingrid Thulin
Es gibt einen Satz in der Bewertung von Kunst, den ich eigentlich nicht mehr hören kann, der sich irgendwie anhört wie „man muss dieses Werk auf eine übergeordnete Stufe heben, daraus eine Wahrheit ableiten, die allgemein zu verstehen ist und nicht klar aufgezeigt wird“. Im Mainstream werden diese Gedanken zur Pauschalantwort „Den Film kann man überhaupt nicht verstehen“ und jeder, der einmal nach einem David Lynch-Film beim Rausgehen den Kommentaren anderer Kinogänger gelauscht hat, weiss, was ich meine. Surrealismus oder Postmoderne werden auch im 21. Jahrhundert noch mit Schulterzucken angenommen. Besser wäre doch Angstschweiß. Zurück zum Anfang, den Satz, den ich in dieser oder einer anderen Form nicht hören will, denke ich zumindest oft genug.
Vargtimmen (Ingredients):
- Realität
- Vision
- (Alb)traum
- Mythos
- Erinnerung
Vargtimmen spielt im Hier und Jetzt. Aber auf einer friesischen Insel, es ist eine karge, zerklüftete Felslandschaft. Nur eine altertümliche Hütte für den Künstler Johan und seine Frau Alma dient als Behausung. Sonstige Anzeichen von Zivilisation: Erstmal keine. Aus dem faktischen Heute wird ein gefühltes Mittelalter, das man von Bergman kennt, ein konzentriertes Altertum, eine verdichtetes Schreckensbild von heidnischen Riten und Mythen, in dem ein rationales Weltbild keinen Platz hat. Dunkel ists an diesen Orten, Furcht einflössend. Bergmans Schwarzweiss ist in diesem vorchristlichen Kontext das schrecklichste Schwarzweiss, dass es gibt.
Nach dem Weg zurück in der Zeit passiert mit Vargtimmen das, was mit jedem Bergman-Film passiert, der in einer Vergangenheit spielt, die angemessen genug entfernt ist, um einem Werk normalerweise den Titel „Historienfilm“ zu verpassen: Er benutzt das Szenario, um zeitgenössische Themen zu behandeln. Das Aussen wird zum Innen, die Landschaft zur Stimmung, der offensichtliche Horror zum Spiegelbild der Seele. Oberfläche? Innenleben? Wahrheit? Trugbild? Metaebene? (hier diesen bescheuerten Satz von oben einfügen)
Ein großer, schauderhafter Film.
pablohonig - 14. Sep, 00:11
Das beste Universum ist immer noch das, in dem man nicht oft spüren muss, dass es einem nicht gut geht. Hagens Schmerz war seinem Herrn schon immer vorgekommen, als müsse er sich erst in seinem Körper materialisieren, um richtig zur Geltung zu kommen. Zu seinem Recht. Den Stellenwert einnehmen, den er verdient, als unübersehbares Zeichen der Warnung für später dienen, als etwas, das nicht einfach beiseite geschoben werden kann, in der Annahme, irgendwann in ferner Zukunft könnte es einen Zeitpunkt geben, an dem man sich mit seinem Unrat besser beschäftigen könne.
„Das ist die Nahtstelle, die Verbindung zwischen der heutigen Literaturliste, dem was aktuell unsere Generation definiert, und dem alten Zeug, das immer noch in diesen Literatursendungen auftaucht“, hört Hagen Francesco zu ihm sagen, der hält ihm dazu was eher Dünnes unter die Nase, magere 140 Seiten vielleicht, Hagen schaut nicht auf den Titel, will nicht wissen, was auf dem Cover steht, weil die Gefahr besteht, dass ihm dann ein Buch verloren gehen könnte, eines, das er nicht lesen wird, einfach deswegen, weil es von Francesco kommt. Nahtstelle, Scheisswort, untergebracht in einem Scheisssatz, in dem soviel Schwachsinn steckt, dass man sich wundern muss, woher dieser lächerliche Sack immer wieder die Energie hernimmt, die es ihm erlaubt, seinen geistigen Müll in seine Umwelt zu schleudern. Hagen sagt nichts, natürlich nicht, er hat sowieso in seinem ganzen Leben eher nichts gesagt, was ihm in den unterschiedlichsten Kreisen den Ruf eingebracht hat, ein ganz kleines Licht zu sein. Außerdem zieht seine Schweigsamkeit die Idioten wie Schmeissfliegen an, was bedeutet, dass Hagen viel Zeit damit zubringt, ungewünschte Lehrstunden erteilt zu bekommen, Halbwertszeit gleich Null. Heute heissen die Lehrer alle Francesco, morgen ganz anders, gleich bescheuert. Das ist ein Luxus, den sich zu leisten Hagen vorsätzlich beschlossen hat, er nennt die Arschlöcher heute Francesco und morgen vielleicht Reinhard und die Angeredeten nehmen das hin, als einziges Anzeichen von Hagens vielleicht doch bestehender Extravaganz. Es ist uninteressant geworden, welche Rolle gespielt wird, auf welchen Bauchnabel er sein Testament oder eine Liebeserklärung zu schreiben hat. Ist es eine Lage, in die er sich absichtlich gebracht hat, war es zwingend notwendig, nur ein falsches Gefühl, überhaupt nicht sein Wille, vielleicht nicht mal seine Schuld? Die Zeitspannen zwischen den Gedanken daran werden länger, die Gedanken selbst sind weniger zwingend geworden. Hagen wartet auf den Tag, an dem sie verschwunden sein werden.
Irgendwie ist das unwichtige Gespräch beendet worden, der unwichtige Francesco ist verschwunden, Hagen raus aus der Bibliothek auf der Strasse. Er denkt an einen anderen Menschen, einen, der Bedeutung hat für ihn, der ihn nicht loslässt, obwohl er sich das manchmal wünscht. Manchmal nicht. Der andere Mensch ist immer ein Spiegelbild gewesen, gleichzeitig seine Antithese, ein Fremder und ein Freund, eine Figur in seinem Leben, den er sich immer wieder mit Schrecken ansehen muss, weil er dort so viel erblickt, das er auch in sich erkennt. Die Erinnerung ist ein schreckliches Komödienspiel, der Schmerz in seinen Beinen, viel zu viel Luftfeuchtigkeit, ein Schwanz am falschen Ende der Bestie. Was wird aus ihm, wenn er sein ganzes Ich annimmt? Der Hass, der schlummert, lässt Wände zusammenrücken, wenn er einmal an die Oberfläche tritt. Hagen sieht die Strasse vor sich, jetzt ist er ganz friedlich, die Francescos des heutigen Tages bringen es allein nie fertig, Hagens Temperatur zum Siedepunkt zu treiben, ganz sicher nicht, sie werden es sowieso nie schaffen. Es ist alles ruhig um ihn herum, Hagen selbst ist so still, er entwirft das Konzept seiner gefühlten Geschichte, wie sie ohne ihn weitergeht, ohne und mit ihm, mit Bausteinen, die er hinzufügen wird und ohne diejenigen, die er für diesen Gegenpart entweder für entbehrlich oder gar für störend hält.
Die Füße rasen die Strassen entlang, bis der Bauch schmerzt, bis sie daran erinnert werden, dass sie auch nur Teil eines Ganzen sind und zur Ruhe gezwungen werden. Der Bauch fängt an, sich zusammen zu krampfen, die Lunge brennt wie Hölle. Hagen schaut sich kurz um, blindlings, nimmt seine Umgebung nicht wahr, alles verzerrt sich an ihm, vor Wut und Schmerz. Dann geht er weiter, in rasenden Gedanken, es dauert nicht lange, bis sich sein Gang erneut beschleunigt. Gleich wird er wieder anfangen zu rennen und es ist ihm bewusst, wie scheisse das aussehen muss, scheisse und beunruhigend, wie er mit ausgeglittenen Gesichtszügen durch die Innenstadt heizt. Menschen bleiben irritiert stehen, schauen nach möglichen Verfolgern, nach hinterher hetzender Polizei, dann kommt bestimmt einer, Held des Volkes, der sich ihm in den Weg stellen wird, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Hagen wünscht sich so eine Fresse herbei, betet darum, diese Sau erst umzurennen, zurückzulaufen und seinem Hass den Gefallen zu tun und ihm Erlösung zu bringen. Hagen freut sich über seine lächerlichen Gedanken, narzisstischer Stuss, der sich so lange um sich selbst dreht, bis sein Ego vor Wolllust kotzen geht. Sein Kinn ist nass und klebrig geworden, Hagen lässt den Sabber an seinem Kinn, weil er genau da jetzt hingehört und rennt im engstmöglichen Kreis um eine nicht einzusehende Strassenecke, in der Hoffnung, dahinter steht ein widerlicher Nadelstreifen, ein widerlich stinkender Lastwagenfahrer, ein widerlich nervendes Kleinkind. Alle Träume sind bezahlt.
Hagen lächelt dunkel vor sich hin, weiss, dass die Distanz im Moment gross genug ist, um den Dämon achtlos beiseite zu fegen. Er geht die letzten Schritte bis zu seiner Wohnung. Denkt noch, „welcher Vollidiot hat sich hier gerade eine multiple Persönlichkeit vorgestellt? Wird das den Menschen denn nie langweilig?“
Es ist alles real. Zwei Menschen. Mit unterschiedlichen Jobs, die sich hin und wieder überschneiden.
pablohonig - 13. Sep, 15:22
John Wolf war ein tüchtiger und zynischer Mann. Er verstand sich auf die billigen autobiographischen Assoziationen, die die fanatischen Klatschkonsumenten von Zeit zu Zeit für schöne Literatur erwärmen.
(John Irving, Garp und wie er die Welt sah)
Der Klappentext zu „Schiffbruch mit Tiger“ behauptet doch tatsächlich, dieses Buch würde für eine Zuwendung des Lesers zu Gott verantwortlich sein. Dabei ist doch allgemein bekannt, dass kaum ein Menschenschlag gottloser ist als der des Verlegers. Und zwar keine Gottlosigkeit, die Ergebnis einer sinnsuchenden Irrfahrt ist, mit all den Zweifeln und Widersprüchen, die einen unruhigen, fühlenden Geist bestimmen, sondern eine, die sich mit Gott nie beschäftigt hat, weil sie es nie nötig hatte. Man findet andere anbetungswürdige Kälber in diesem Geschäft. So einen Klappentext zu schreiben, ist zynisch. Die Alternative, dass der Verfasser wirklich hinter dem Mist steht, den er auf dem Buchrücken verzapft hat, lasse ich mal außen vor. Es ist nämlich Schwachsinn. Das ist kein Buch, dass zum Glauben führt. Um dem Autor Yann Martel die Verantwortung zu nehmen, sei gesagt, es ist auch nicht dazu da, Menschen gläubig zu machen. Es ist nur ein dummer Satz auf der Rückseite, der dazu geführt hat, dass der Roman lange gegen meine Vorbehalte kämpfen musste.
Was ist
Life of Pi? Zuallererst eine Abenteuergeschichte um einen jungen Inder, der nach einem Schiffsunglück für lange Zeit allein auf hoher See treibt. Einen Gefährten hat er doch, einen bengalischen Tiger. Grosse Teile des Buches verbringt Pi mit den ganz irdischen Unannehmlichkeiten, die so eine Situation wohl mit sich bringt: Hunger, Durst, bengalischer Tiger. Es ist eigentlich eine sehr ungünstige Ausgangssituation für einen Roman, weil es scheint, als könne ein so kleines Boot mit seinen zwei Insassen auf Dauer nicht genug Fesselndes bieten. Aber es ist etwas Faszinierendes an diesen Crusoeschen Aufzählungen von Zwiebackrationen, Taschentüchern, Bindfadenrollen, die zumindest zu Anfang nicht langweilig werden. Später kommt dann doch unweigerlich der Punkt, an dem eine Entwicklung stattfinden muss, die über Essensrationen hinausgeht. Yann Martel wird es auch langweilig und er ergeht sich in fantastischen Spinnereien, erst etwas irritierend, dann überzogen. Es scheint, als habe Martel der Kraft seiner Geschichte nicht recht getraut und bis man den Grund dieses Ausflugs in eine Welt, die man fast genauso bei Walter Moers’ Käpt’n Blaubär gelesen hat, erkennt, ist das Buch am Ende. Man ist erleichtert und enttäuscht zugleich.
Es ist
Robinson Crusoe, es ist auch Marlen Haushofers
Die Wand. Es ist damit sicherlich mehr als nur ein übellauniges Abenteuer. Es ist ein Entwurf von Einsamkeit und Hoffnung. Es ist eine Geschichte von einem Autor, der, wie zu vermuten ist, viel von seinem eigenen Weltbild in dieses Buch gesteckt hat. Eine Lebensauffassung, die meiner eigenen oft genug gegen den Strich läuft. Eine Darstellung einer Auffassung eines Zusammenlebens der Kulturen und Religionen, die mir andauernd gegen den Strich läuft. Postkartenromantik von einem Leben im Guten, von einem Autor, der stets weise seinen Kopf hin und her wiegt und gewichtige Sätze spricht, die sich schön und einfältig anhören und dann schnell wie Seifenblasen zerplatzen.
pablohonig - 12. Sep, 23:52