Volver (2006)

Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Produktion: Esther García
Darsteller: Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Yohana Cobo, Blanca Portillo
Eine Armee von meist älteren Frauen putzt die Grabsteine ihrer Verblichenen. Wahrscheinlich die von Männern, ihren Männern, die wahrscheinlich üble Schweine waren. Ein Film von Pedro Almodovar zeigt den Mann nur selten in einem guten Licht und um dem wohl vorzubeugen, lässt er sie in Volver fast gänzlich weg, zumindest als Gestalten in Fleisch und Blut. Aber Männer sind nun mal Teil der Geschichten, die Almodovar so gerne erzählt, sie sind oft sogar der Grund, warum diese Geschichten so erzählenswert sind, sie sind die Ursache, und: Sie sind üble Schweine. Nachdem sie ihre Sauereien erledigt haben, sind sie abgehauen. Verschwunden, gestorben, wie auch immer. Übrig bleiben die Frauen, um die Drecksarbeit zu erledigen, den Fußboden wischen, die Kühlkammer verbuddeln.
Allein in einem Dorf, das laut Statistik prozentual gesehen die meisten Verrückten in Spanien hat. Das liegt vielleicht am fiesen Wind, der ständig weht, oder wer weiß was sonst die Ursache ist, dass so viel Trauer und Tod in den Geschichten der Menschen dort ist. Die Frauen aus diesem Dorf haben jede ihre eigene Geschichte, die auch jede wieder mit der Geschichte des Dorfes und die der anderen Frauen zu tun hat. Keine dieser Geschichten ist vollständig, jede Frau besitzt einen Schlüssel, kann ein kleines Loch stopfen. Nur um festzustellen, dass sie keine Löcher stopfen, sondern Wunden wieder aufreißen. In der Erinnerung strahlt die Vergangenheit wenigstens ein kleines Stückchen heller.
Alles kommt zurück. Die Konfrontation mit der Wirklichkeit zerstört die Illusion von einer idyllischen Kindheit, einem zufriedenen Familien- oder Eheleben. Die Gräber, an denen die Frauen stehen, sind Mahnmale und es ist gut, dass die, die unter den Steinen liegen, nicht mehr sind, die Zurückgebliebenen trauern nicht nur, sie vergewissern sich auch, dass die Toten und ihre Geschichten nicht mehr zurück an die Oberfläche kommen. Aber wie das so ist mit nicht abgeschlossenen Dingen, sie kommen doch, die Geister, lassen keine Ruhe, Geister und Dämonen, die immer noch bereit sind, die Lebenden zu quälen.
Das Leben an der Oberfläche von den Frauen in Volver ist nur eine fadenscheinige Biographie, ein Schleier vor dem erlebten Unglück. Sie haben gelernt, still zu halten, sich alleine dem Kummer zu überlassen. Aber es passieren Dinge, die eine Kettenreaktion auslösen, die immer mehr Unrat ans Tageslicht bringen. Schliesslich steht sie da, die nackte Wahrheit, die zusammengeknüpfte Geschichte, die alle Frauen in Volver betrifft. Und die Wahrheit ist schmutzig. Besser als vorher? Bestimmt, das hat der Mensch gelernt, besser ist es, mit der hässlichen Realität von anderen Menschen konfrontiert zu werden als die billige, aber gutaussehende Fassade vor Augen zu haben. Ist erstmal alles raus, kann man Hoffnung schöpfen, wenn man nicht daran denkt, dass jetzt zwar alles aufgelöst ist und man sich guten Gewissens in die Augen schauen kann, die Zukunft aber doch wieder die gleiche Scheisse bereit hält. Gelernt wird selten, aus Fehlern sowieso nicht.
pablohonig - 11. Sep, 11:28
