Donnerstag, 11. September 2008

Volver (2006)

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Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Produktion: Esther García
Darsteller: Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Yohana Cobo, Blanca Portillo



Eine Armee von meist älteren Frauen putzt die Grabsteine ihrer Verblichenen. Wahrscheinlich die von Männern, ihren Männern, die wahrscheinlich üble Schweine waren. Ein Film von Pedro Almodovar zeigt den Mann nur selten in einem guten Licht und um dem wohl vorzubeugen, lässt er sie in Volver fast gänzlich weg, zumindest als Gestalten in Fleisch und Blut. Aber Männer sind nun mal Teil der Geschichten, die Almodovar so gerne erzählt, sie sind oft sogar der Grund, warum diese Geschichten so erzählenswert sind, sie sind die Ursache, und: Sie sind üble Schweine. Nachdem sie ihre Sauereien erledigt haben, sind sie abgehauen. Verschwunden, gestorben, wie auch immer. Übrig bleiben die Frauen, um die Drecksarbeit zu erledigen, den Fußboden wischen, die Kühlkammer verbuddeln.

Allein in einem Dorf, das laut Statistik prozentual gesehen die meisten Verrückten in Spanien hat. Das liegt vielleicht am fiesen Wind, der ständig weht, oder wer weiß was sonst die Ursache ist, dass so viel Trauer und Tod in den Geschichten der Menschen dort ist. Die Frauen aus diesem Dorf haben jede ihre eigene Geschichte, die auch jede wieder mit der Geschichte des Dorfes und die der anderen Frauen zu tun hat. Keine dieser Geschichten ist vollständig, jede Frau besitzt einen Schlüssel, kann ein kleines Loch stopfen. Nur um festzustellen, dass sie keine Löcher stopfen, sondern Wunden wieder aufreißen. In der Erinnerung strahlt die Vergangenheit wenigstens ein kleines Stückchen heller.

Alles kommt zurück. Die Konfrontation mit der Wirklichkeit zerstört die Illusion von einer idyllischen Kindheit, einem zufriedenen Familien- oder Eheleben. Die Gräber, an denen die Frauen stehen, sind Mahnmale und es ist gut, dass die, die unter den Steinen liegen, nicht mehr sind, die Zurückgebliebenen trauern nicht nur, sie vergewissern sich auch, dass die Toten und ihre Geschichten nicht mehr zurück an die Oberfläche kommen. Aber wie das so ist mit nicht abgeschlossenen Dingen, sie kommen doch, die Geister, lassen keine Ruhe, Geister und Dämonen, die immer noch bereit sind, die Lebenden zu quälen.

Das Leben an der Oberfläche von den Frauen in Volver ist nur eine fadenscheinige Biographie, ein Schleier vor dem erlebten Unglück. Sie haben gelernt, still zu halten, sich alleine dem Kummer zu überlassen. Aber es passieren Dinge, die eine Kettenreaktion auslösen, die immer mehr Unrat ans Tageslicht bringen. Schliesslich steht sie da, die nackte Wahrheit, die zusammengeknüpfte Geschichte, die alle Frauen in Volver betrifft. Und die Wahrheit ist schmutzig. Besser als vorher? Bestimmt, das hat der Mensch gelernt, besser ist es, mit der hässlichen Realität von anderen Menschen konfrontiert zu werden als die billige, aber gutaussehende Fassade vor Augen zu haben. Ist erstmal alles raus, kann man Hoffnung schöpfen, wenn man nicht daran denkt, dass jetzt zwar alles aufgelöst ist und man sich guten Gewissens in die Augen schauen kann, die Zukunft aber doch wieder die gleiche Scheisse bereit hält. Gelernt wird selten, aus Fehlern sowieso nicht.

Mittwoch, 10. September 2008

Requiem.

Guten Abend.

Wir sind heute zusammengekommen, um einen Mann zu ehren. Der in seinen zahlreichen, unterschiedlichen Lebensläufen doch so manchen tanzenden Stern geboren hat, wie der gottlose Nietzsche (dem möglicherweise verziehen ist) in seiner Tolldreistigkeit gesagt hat. Treffend, doch, in der Tat.

Viel ist von diesem Mann, der nun vielleicht das Glück hat, im Leichentuch eingewickelt die Messe vom großen Landschaftsgärtner persönlich gelesen zu bekommen, hinterlassen worden. Momente grosser Schönheit, hat er uns geschenkt, mahnende grosse Wörter in funkelnden Neonlettern hat er uns auf den Weg gegeben und doch fragen wir uns manchmal, ob der Widerspruch in uns nicht in seinen Fragmenten und Brüchen öffentlich gemacht wurde, ja, zur Ware geworden ist. Eine Chronik mochte er verfassen, doch was ist es geworden ausser Pünktchen und Komma? Eine Chronik ist kein Gefühl.

(Perspektivwechsel - ohne Konzept/Presto)

Wo ist der Anfang? Wir haben immer nur das Ende geschrieben und ein Buch, einen Film, sogar ein Bild auf dieses Ende hin bearbeitet. Das ist der Unterschied zwischen deinem Traum und unserer Wirklichkeit. Schreib den Anfang und komme immer wieder darauf zurück, wenn Du musst. Müssen hättest du immer wieder, doch Dich hat es andauernd zum Ende gezogen. Aber mit dem Ende kann man sich nur den Hintern abwischen. Zu mehr ist das Ende nicht gut.

Dieser Mensch hat viele Enden gehabt. Er hat sich dafür teilen müssen, immer wieder teilen. Nicht reproduziert hat er sich, um Neues aus Altem zu schaffen, diese Kraft hat er nie besessen, er konnte nur Schicht um Schicht seines Selbst abtragen. Diese Schichten waren eigenständig und doch aus demselben Material, von derselben Kraft und Schwäche durchzogen. Tolstoi, der nicht ganz so lange wie sein wahnsinniger deutscher Kollege brennende Luft ertragen muss, hat über seinen Bruder gesagt, dass er die gleiche Stärke gehabt habe wie er selbst. Aber er hatte vergessen seine Schwächen zu pflegen und wachsen zu lassen und so sei aus ihm nur ein glücklicher Ehemann und Vater von drei sehr brauchbaren Kindern geworden. Nun ist das alles überhaupt nicht tragisch, es fällt nur auf, dass man Schwäche immer gedeihen lassen kann, und es liegt in der seligen Natur des Menschen, sich andauernd dorthin hingezogen zu fühlen, wo das trübste Unkraut spriesst. Diese Pflanzen haben auch einiges für sich, sind sie doch stark und nur schwer zu brechen und Mensch kann sich einen vernünftigen Schutzschild aus ihnen bauen. Nun hat er sich die Schwäche umgekehrt und kann gewissenlos durchs Leben von anderen Menschen pflügen.

Ich schweife ab und erzähle zuviel von der Schwäche. Ich gehe nochmals zum Anfang (seht Ihr, meine Gäste und zugereisten Betroffenen, wie jeder immer wieder zu seinem eigenen Heil nur zum Anfang zurückkehren sollte?). Nein, die Schwäche hat nicht die Kraft als Gegenpart auszuhalten, sondern die Ermangelung von Kraft. Warum das so ist, müssen sie gelehrtere Leute fragen, ich habe diesen Satz zwar erfunden und geprägt, aber es bisher versäumt, darüber nachzudenken. Es gibt aber genügend geistreiche Männer und Frauen ausserhalb dieser Kirche, die das für wenig Geld gerne tun. Bestimmt kommen sie auch zu einem Ergebnis, nicht alle, aber mindestens einer, auch zu der Bestätigung meiner These. Wahrscheinlich einer von der Zeitung.

Die Ermangelung von Kraft. Davon gibt es viel. An Ermangelung fehlt es nur wenigen Menschen. Und die beklagen sich auch nicht darüber. Sie gehen einfach weiter nicht in die Kirche. Es gibt aber auch solche, die nicht in die Kirche gehen und Ermangelung besitzen, sie aber nirgends finden. Dabei haben sie sehr sorgfältig gesucht, sogar bei sich selbst. Diese Menschen bauen Kathedralen für Glaubensgemeinschaften, die kurze Zeit später auf Jahrmärkten zusammen mit Gänseleberpastete verkauft werden. Die Gotteshäuser stehen leer und still, was sollen sie auch schreien, aufregen bringt ja doch nichts.

Worauf ich hinauswill? Ich möchte meinen, dieser Mann, der da geschminkt in seinem herausgeputzten Aufzug vor uns liegt, war solch ein Mensch. Er wollte grosse Häuser bauen und nun zum Schluss hin hat er mitansehen müssen, wie sie ihm vor der Nase zusammengefallen sind. Und er hat das Ende doch so sehr geliebt, und dann hatte sich das Ende auf seine Bauten gesetzt und ihn gleich mitgenommen. Jede Schicht. Wir sitzen jetzt hilflos hier und müssen die Schichten zusammensetzen, die Steinchen, die immer noch gut zusammenpassen, weil sie viel Ermangelung von Kraft besaßen und sich nicht unabhängig voneinander weiterentwickelt haben. Aber es sind leider sehr viele und ich befürchte, selbst wenn wir alle Teile haben, haben wir nicht alle Teile, weil dieser arme Mann nie ganz war. Er ist nicht fertig geworden, er hat sich nur mit viel Wolle überdeckt und so seine leeren Räume durch die Stadt getragen.

So gibt es keine Chronik von ihm und es wird auch keine über ihn geben. Nur Notizzettel. Das ist schade, aber nicht zu ändern.

Wir können nur hoffen, dass sein Leichentuch keine Löcher hat.

Gute Nacht.

Donnerstag, 5. Dezember 1996

3. Eintrag

5.12.96

Der Ausflug

Familie Meier fährt an einem schönen Sonntagmorgen in den Wald. Sie machen ein Picknick, breiten die Decke aus und packen ihre Brotzeit aus. Die Mutter hat Brot mit gebratenem Fisch, Hähnchen mit Toast und zum Nachtisch Obst aus der Dose eingepackt. Sie essen mit viel Genuss. Als sie voll waren, fahren sie nach Hause. Aber sie ließen ihren Müll liegen. Am nächsten Tag macht der Förster seinen Rundgang. Da sieht er einen riesigen Müllhaufen. Mitten in diesem Müllhaufen findet er einen Briefumschlag. Er denkt sich: „So, jetzt müsste nur noch die Adresse der Übeltäter draufstehen, dann weiß ich schon, wer den Müll hier liegen gelassen hat.“ Tatsächlich findet er die Adresse.
Zwei Tage später klopft es bei Familie Meier an der Tür. Frau Meier öffnet sie. Da steht ein Postbote mit einem Päckchen. Er sagt: „Ich bekomme vier Mark Porto.“ Frau Meier zahlt die vier Mark und geht mit dem Paket ins Wohnzimmer. Sie macht es auf, ihr Sohn schaut gespannt zu. „Vielleicht ist es ein Geschenk von Opa.“, denkt er.
Als das Paket geöffnet ist, sehen sie nur Müll, Müll, Müll. Endlich entdeckt Frau Meier einen Zettel. Darauf steht: „Hiermit sende ich Ihnen Ihr Eigentum wieder zurück. Mit freundlichen Grüßen. Karl Baumheger Revierförster.“
Jetzt wird ihr einiges klar. Sie sagt: „Nächstes Mal werde ich den Müll ganz sicher mitnehmen.“

Schrift: 3-4

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