Donnerstag, 9. Januar 2014

...

LINCOLN

sehr könnerhaftes Drama, das auf jeglichen schnickschnack verzichtet und in der Ruhe liegende Kraft zum ???`? erhebt. So wird Day Lewis, der dafür bekennt ist, Filme zu „tragen“, aber auch zu beherrschen, zu seiner vermeintlich zurückgenommensten Schauspielleistung gezwungen oder verleitet oder inspiriert. Der Day Lewis, der so gerne und so gut kracht und scheppert, ist als Lincoln leise, ohne eigentlich reduziert zu sein – ein Schauspiel, das in seinem Rückgriff auf einstudierte Darstellungen und festes Regelwerk (siehe auch Jamie Foxx als Ray Charles) erwartbar wird und wenig Platz lässt für Verwunderung über den Zauber unkapriziöser Schauspielerleistungen Manchmal fast nicht zu ertragen, diese Nervigkeit in Stimme und Habitus dieses „grundguten“ Märchenlincolns (Suchsland, http://www.heise.de/tp/artikel/38/38423/1.html), dem der Widerspruch zwischen Dichtung und Wahrheit bzgl. Freiheit und Sklaverei als Beispiel für eine sich auf Eigentum konstituierende Nation, so völlig abgeht.

Wenn man dazu kommt, was denn eigentlich eindrücklich sein soll an diesem Film, an dem so nichts falsch ist, sind es doch die paar Momente Kino-Konvention, die immer gut funktionieren: Wenn sich die Sklaven-Hausfrau, die aber auch viel mehr als nur das zu sein scheint, enttäuscht abwendet ob der plötzlichen Kompromissfähigkeit des kompromisslosen Demokraten Stevens, zeugt das ein Bild, das eigentlich in einem Film wie diesem längst zu überwunden geglaubten....


Überhaupt Stevens, überhaupt Tommy Lee Jones: Eigentlicher Star des Films: HÄSSLICH UND ALT, wie selten gelungen. Ist natürlich auch Märchen, logisch. Aber mal nicht nur „Schulkino“ (ebenso Suchsland).

Stattliches Negerregiment auch.

Sonntag, 30. Mai 2010

Als Du hättest früher aufstehen sollen

Du rauchst die erste Zigarette des Tages. Sie setzt Dich für eine Weile außer Gefecht. Du genießt wie Sie Deinen Kreislauf auf Schrittgeschwindigkeit reguliert. Dir wird ganz langsam schummrig und Du wünschtest dieses Gefühl könnte sich noch etwas steigern.
Kurz bevor Du die Zigarette aufgeraucht hast, spielst Du mit dem Gedanken eine neue zu drehen und anzustecken. Schließlich ist dieser kurze Moment mit der Rechtfertigung nichts zu tun außer rum zu sitzen, aus dem Fenster zu atmen und zu schauen auch schon fast vorbei. Für einen Augenblick hattest Du das Gefühl einmal wirklich nachdenken zu können. Jetzt gilt es wieder den täglichen Dingen nachzugehen. Dein Geist und Dein Körper wehren sich noch dagegen aufzustehen und weiterzumachen.
Du drückst die Zigarette aus und bleibst einem Moment lang an dem Platz sitzen, der tatsächlich nur von Dir zum Rauchen aufgesucht wird. So oft versuchtest Du schon Dich gegen den immergleichen Gedanken zu wehren, der Dich beschleicht, wenn Du einen dieser Tage durchlebst, die mit verdammten Slow-motion-Zigaretten beginnen. Nun bist Du Ihm schon wieder verfallen. Diese miese Erinnerung an den einen Moment, der partout nicht aus Deinem Kopf entweichen will. Es ereignete sich vor einem Jahr und dieses Scheißjubiläum ist nun auch der Grund warum die Tage, die mit Slow-motion-Zigaretten beginnen, derzeit häufiger werden.
Hinzu kommt, dass Sie Dir gestern eine Nachricht schickte. Sie sprach darin von seiner Existenz und von Freundschaft. Verbittert hast Du Dich gezwungen nicht zu heulen. Dein Verstand erzählt Dir, dass die Menge an Tränenflüssigkeit, die Dir dieser Mensch aus Deinem Gesicht gezogen hat ohnehin schon viel zu groß ist.
Das beste Mittel gegen Heulen (in diesem Punkt kannst Du Dich selbst hervorragend austricksen) ist in Gesellschaft zu sein. Du gehst zu Deinen Mitbewohnern und der Tränendruck lässt augenblicklich nach. Auf dieses persönliche Rezept kannst Du Dich immer verlassen. In Gesellschaft heulen - funktioniert einfach nicht. Dies ist jetzt das probate Mittel. Ihr trinkt Kaffe zusammen und redet über die Ereignisse des Tages.
Dass Du gestern Abend diese Email gelesen hast, dass Du heute Vormittag ungewaschen und melancholisch durch Dein Zimmer geschlichen bist, behältst Du schön für Dich.

Am frühen Abend schenkst Du Dir ein Glas Cabernet Sauvingnon ein und hörst Dir Jimmy LaValles the album leaf – a chorus of storytellers an. Mit Kopfhörern über Deinen Ohren sitzt Du im Schneidersitz vor Deiner Stereoanlage und hörst, den Oberkörper leicht hin und her wippend, die Stücke dieser Platte. Bei fallin from the sun machst Du den Fehler den Text, den Du ohnehin nahezu auswendig kannst im Booklet mitzulesen:


We com so close, when we just miss
We can’t see the Start, we can’t hide the end
Find our way to fall
I can’t see between, I can’t find the need
We com so close, when we just miss
Find our way to fall


Irgendwie hättest Du wissen müssen, was diese Musik mit Dir machen wird, auf welche dummen Gedanken Sie Dich bringen wird.

Dann hast Du Dir dieses Buch geschnappt, in dem Du solange gelesen hast bist Deine Augen einfach zugefallen sind. Eine sichere, wenn auch langwierige, Methode irgendwie in dieser Nacht Schlaf zu finden. Das Licht der kleinen Klemmlampe am Bettrahmen bleibt in solchen Nächten einfach die ganze Nacht an. Der Wecker holt Dich aus dem Schlaf und erinnert Dich daran, dass Du heute Deine Alltagsflucht nicht fortsetzen wirst. Heute bist Du wieder gefragt in diesem Arbeitskreis. Du hast wenig Zeit und die Slow-motion-Zigarette bleibt heute Morgen aus. Hingegen rauchst Du eine Unterwegszigarette. Zu Fuß auf dem Weg zur Bahn.

Sonntag, 14. März 2010

Vögel von gleichem Gefieder, lasst Euch zusammen nieder

Werter Tom Robbins,


Sie fehlten mir. Nach „Völker dieser Welt: relaxt!“ hatte ich vorerst genug von rauschgedrängten, notgeilen Lebemännern die ein ganzes Kloster voller zölibatischer Nonnen in die Autosexualität treiben. Dann registrierte ich eine deutsche Übersetzung von „Still life with Woodpecker“ (übersetzt von Thomas Lindquist: Buntspecht So was wie eine Liebesgeschichte). Ja, Sie haben mir gefehlt.
Prolog, Zwischenspiele, Epilog und mein Unterkiefer war so was von ausgeharkt, dass der Vergleich einer Eierschlange beim Verschlingen Ihrer Leibspeise am besten passt. Ohne einen Tropfen salziger Augenölung auch nur im Entferntesten in Bewegung zu setzen, erzählten Sie mir wie die fabelhafte Leigh – Cherie versucht die dringlichste aller Fragen zu beantworten:
Wie kann man die Liebe zum bleiben überreden?

Albert Camus behauptete, die einzige ernste Frage ist: Soll man sich umbringen oder nicht?
Sie schrieben die einzige ernste Frage ist, ob die Zeit Anfang und Ende hat. „Camus ist eindeutig mit dem falschen Fuß aufgestanden“ und Sie müssen wohl vergessen haben den Wecker zu stellen. Ich, als geneigter Leser, bin nur ein verzweifelter Trottel, der sich nicht traut auf die Suche zu gehen. Nun lese ich das hier beschriebene Buch und auf einmal werden alle Beteiligten mit dem bedruckten Boxhandschuh: „Wer kann die Liebe bleiben machen?“ verprügelt. Vielen Dank Leigh – Cherie.


Der Natur beginnt Ihr Buch und, nennen Sie mich ruhig weichgespültes Seidenduftkissen in einer Ergotherapiepraxis, mein Puls zirpte beim Lesen dieser Zeilen an meinem Innenohr als wäre mein Kreislauf ein Synthesizer, der rhythmische Blutdruck die Base und jemand hätte gerade die Reversetaste gedrückt. Danke man.
Im Kampf mit der Remington SL 3 (einer elektrischen Schreibmaschine) steckten Sie immer wieder Rückschläge ein, aber es gelang Ihnen (wenn auch handschriftlich) aus Leigh – Cheries Turbulenzen die Magie des Geheimnisses hervorzuheben. Geheimnisse müssen gewahrt werden. Gehen sie verloren, bleibt die Liebe nicht. Alles klar? Ich hoffe doch.
Die Schlüsselworte Lunazeption, Choice, Camelpackung und Brombeere sind sicher nie so erzückend ineinander verwebt gewesen. Der geknüpfte Teppich ist dann ausschließlich für die Bude eines Outlaws bestimmt. Die Deterministen, die die Erde in einem Zusammenspiel von Billardkugeln sehen, „die nach prä- determinierten Gesetzen karambolieren sind stets vom Outlaw bedroht, der darauf beharrt seinen eigenen Queues zu benutzen“.
Wenn die Dinge in Wandel geraten, wenn die Natur wieder an ihre Staffelei, an ihr Klavier, ihre Schreibmaschine zurückkehrt, dann tritt die freie Wahl an die Stelle der Gesetze und der Outlaw zeigt seine gelbe Kauleiste zwischen spitzen Winkeln. „Dummköpfe sind gesetzestreu, weil Sie gewählt haben nicht zu wählen“. Ich schütte meinen Kaffe, inklusive dem Bodensatz des Outlawblödsinns, meine Kehle herunter. Auf Ihr persönliches Wohl versteht sich.
Es ist nun alles zu Ihrem wunderbaren Werk gesagt und meine Zeit wird knapp. Ich habe gleich einen Termin um mir das Wort Choice in Großbuchstaben auf den Unterarm tätowieren zu lassen. Nee glatt gelogen, es gibt lediglich einen dänischen Hot Dog in einer Kneipe, die das Spiel Werder Bremen zu Gast bei 1899 Hoffenheim zeigt. Es fühlt sich wieder Prima an, Prolet zu sein. Und was die Sorgen des Trottels betrifft: Wir lutschten eben schon Lange nicht mehr am selben CujaMara Split, Pärle.


Ich hoffe der Dauerregen in Seattle stellt das Spülen der Brombeerhecke für einen paar Stunden ein. Auf ein baldiges wiederlesen.


Räusper


robbins05

Sonntag, 20. Dezember 2009

Tag X und Y

Nach dem Piepen des Weckers noch ma umgedreht. Weggenickt. Spät dran gewesen. Geduscht. Kaffee getrunken. Arsch aufm Weg zur U-Bahn Station abgefroren. In der U-Bahn Matt & Kim gehört. Kaffe in der Cafeteria getrunken. Mit Lena gescherzt. Über den vergesslichen Dozenten gelästert.
In der Vorlesung mit dem Einschlafen gekämpft. Bei der Übung selbstsicher bis herablassend meine Aufgaben mit Friedrich und Peter gelöst.
Mittag gegessen. Kaffee getrunken. Zigarette mit Lena geraucht. In die Bibliothek gegangen. Sie angehimmelt. Mit Ihr gesprochen. Rot geworden. Selbstsicherheit verloren.
Schlecht vorbereitet im Seminar gesessen. Mit verstaubten Wissen im richtigen Moment angegeben. Mit langweiligen Meinungen und den Idioten dahinter diskutiert. Kaffe getrunken. Im Geocafe gehangen. Titanic gelesen. Im Kolloqium protokolliert. Zur U-Bahn Station gelaufen. Arsch abgefroren. In der U-Bahn Bill Bryson gelesen.
Mit Anke gekocht. Zu Abend gegessen. Wein getrunken. Long Division von Fugazi geübt. Bon Iver gehört. Mit Anke Zigarette geraucht. Wein getrunken. Halbherzig Zerfallsreihen kosmogener Nuklide aufgeschrieben. An die Extuse gedacht. Traurig gewesen. Wein getrunken. Danse Macabre gehört. Zigarette geraucht. Buch gelesen. Eingeschlafen.

Nach dem Piepen des Weckers noch mal umgedreht. Weggenickt. Spät dran gewesen. Haare gewaschen. Kaffe getrunken. Arsch aufm Weg zur U-Bahn Station abgefroren. Aus Versehen in die falsche S-Bahn gestiegen. Nach einer Bus Verbindung am Arsch Berlins gesucht. Umgestiegen. Zu Spät in die Vorlesung gekommen.
Mich neben Sie gesetzt. Breitengrad- und Höhenlageneinfluss auf die Produktionsrate kosmogener Nuklide berechnet. Ihr die Lösung erklärt. Lob bekommen. Geschmeichelt gefühlt. 61,85 m gemeinsam mit Ihr über den Campus geschlendert. Vage für den späten Abend verabredet. Gefreut. Mit der S-Bahn zum Ostkreuz gefahren. Unterwegs Why? gehört. Mit dem Fuß im Takt geklopft. Genervten Blick von Hausaufgaben kontrollierender Lehrerein bekommen. Im Übereck mit Nici Latte Machiato getrunken. Nach Hause gelaufen. Peters gehört. Arsch abgefroren.
Mit Dominik telefoniert. Mit Silke telefoniert. Long Division von Fugazi geübt. Mit Fruty Loops nervige Sounds gemacht. Über die Testversion geärgert. Mit Doro gechattet. Kaffee getrunken. Mit Anke Zigarette geraucht. Brot geschmiert. Brot gegessen. Wein von Gestern weitergetrunken. John Lennon gehört. Doch mehr Bock auf Eläktro gehabt. Gtuk gehört. Dinje begrüßt. Rico begrüßt. Wein getrunken. Zusammen Zigarette geraucht. Wein getrunken. Haare gekämmt. Hemd angezogen. Aufm Weg zur U-Bahn Arsch abgefroren. Karte am SO 36 gekauft. Beim netten Türken am Heinrichplatz Tee getrunken und Haloumi gegessen. Wieder ins SO 36 gelaufen. Laura getroffen. Guts Pie Earshot angeschaut und angehört. Arsch gewackelt. Abgedreht. Rumgehüpft. Wein getrunken. Weitergetanzt. Mit Ihr geschrieben. Wein getrunken. Schweiß im Pulli abgewischt. Zum Kotti gelaufen. Arsch abgefroren. Nach Neukölln ins Syndikat gefahren. Zu Ihr an den Tisch gesetzt. Sam und Anna kennengelernt. Sebastian getroffen. Mexikaner getrunken. Wein getrunken. Zigarette geraucht. Mich zum Tischfussball überreden lassen. Zu Null verloren. Mexikaner ausgegeben. Über Tischfussball gelästert. Zu Tschaikowsky geschwoft. Wein getrunken. Mexikaner getrunken. Zigarette geraucht. Beim Pinkeln Thomas angerempelt. Mit Ihr die erste U-Bahn des neuen Tages verpasst. Zusammen in der U-Bahn Station Boddinstrasse Arsch abgefroren. Zwei Stationen gemeinsam gefahren. Auf nächsten Freitag verabredet. In der U-Bahn eingepennt. Rechtzeitig wach geworden. Brötchen geholt. Gefreut ohne Umwege nach Hause gekommen zu sein. Eingepennt.
Ohne Wecker aufgewacht. Kopfschmerzen gehabt. Aspirin genommen. Wasser getrunken. Alles notiert und häppchenweise bei Twitter reingestellt. Noch mal hingelegt.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Filzsturz

In der Legendenenstraße, Ecke Wahregrößenalle sperrte eines dieser rotweißen Bänder den Eingangsbereich des grand chateau en Espagne ab. Als Gunnar aus der U Bahn Station ausstieg, sah er bereits von weitem eine Menschenmenge vor dem Hotel, das berüchtigt dafür war eine Absteige für Künstler und Luftikusse zu sein. Während er auf seinem MP3 Player vergeblich nach diesem endgeilen Song von einer britischen Elektropoptruppe namens „unilateral tune“ suchte, blickte er erneut kurz auf und sah einen Krankenwagen mit Höchstgeschwindigkeit und eingeschaltetem Blaulicht in die Ernst-Buschke-Strasse schießen. Sicherlich hätte er auch ein Martinshorn gehört, wäre nicht sein Gehör mit Hilfe eines geschlossenen Systems eines High Fidelity Kopfhörers von der Außenwelt abgeschottet. Einige der Schaulustigen sahen sehr verstört aus. Gunnar bemerkte, dass Wenige gar Tränen in den Augen hatten. Kurz fragte er sich, was wohl passiert war, aber die Tatsache, dass einige Passanten von der gerade abgelaufenen Szenerie schwer mitgenommen aussahen, hielt Ihn davon ab diesem Gedanken weiter zu folgen. Endlich fand er den gesuchten Track auf seinem portablen Wiedergabegerät, als er das grand chateau en Espagne hinter sich gelassen hatte und dachte an das Treffen mit seiner Freundin Klara, deren Wohnung in der Legendestrasse sein Ziel war. Voll der Vorfreude auf seine Liebe, genoss er diesen wunderbaren, lebensbejahenden Gesang, der voller Verbalisierungen eigener Gefühle und Ansichten war und so eine fulminante Symbiose mit der beatlastigen, simplen Melodie einging.
Untypischerweise weckte Klara Ihn am nächsten Morgen zu spät. Sie hatten beide den Wecker nicht gehört und mittlerweile war es zu Spät für Gunnar noch in die Uni zufahren. Den einzigen Kurs des Tages hatte er nun ohnehin verpasst. Klara war seit zwei Monaten ohne Beschäftigung. In Ihrer letzten als Grafikerin kündigte man Ihr, da das kleine Softwareunternehmen mit schwacher Auftragslage Sie nicht mehr bezahlen konnte. Während er sein graumeliertes Notebook öffnete, um an einer Hausarbeit zu schreiben, griff sie den Haustürschlüssel vom Brett und ging hinaus um Brötchen zu holen. Im Vorbeigehen streichelte Sie seinen Nacken und grinste Ihn noch einmal an, ehe Sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zog. Kurz nachdem Klara die Brötchentüte auf dem Küchentisch abstellte, bemerkte Gunnar schon, dass sich Ihre Laune beim Brötchen holen geändert hatte. Die Frage was denn passiert sei beantwortete sie damit, dass sich nichts Tragisches ereignet hatte und legte Ihm eine Lokalausgabe der Bränzlich auf den Tisch.
Schon die Größe des Titels sprang Gunnar ins Auge und nach einigen Millisekunden hatte Er sie auch gelesen: Phil Harmony scheitert bei Selbstmordversuch.
Phil Harmony, war in Gunnars späten Pubertät einer seiner absoluten Lieblingsmusiker. Seine aktuelleren Werke hatte er nicht mehr angehört, aber wahrscheinlich war Gunnar nur abgeschreckt, da Harmony mittlerweile kein Geheimtipp mehr war. Gunnar empfand einfach kein Interesse für die Musik, die einem an jeder Straßenecke um die Ohren gehauen wird. Klara hingegen hörte die Werke Harmonys gelegentlich noch immer und immerhin war diese Musik auch daran beteiligt, dass Sie auf einem Fest eines gemeinsamen Bekannten zum ersten Mal ins Gespräch miteinander kamen. Gunnar las den Text und Ihm wurde klar, dass Harmonys Freitodversuch die Ursache der Menschenansammlung einen Tag zuvor am chateau en Espagne war. Laut Zeitungsartikel blieb Harmony nach einem Sprung vom Balkon seiner Suite nach nur wenigen Metern mit einem Auge an einer der Fahnenstangen hängen. Nach mehreren qualvollen, von lautem Winseln gespickten Minuten, schaffte er es seinen Kopf von der Fahnenstange loszureissen und versuchte sich mit dem weiteren Absturz den Garaus zu machen. Sein Management und Fachkundige der Musikpresse hatten gerade ein kleines Vorzelt für eine Autogrammstunde in dem Eingangsbereich vor dem Hotel aufgestellt, dass Harmonys Sturz ein wenig abbremste. Vorläufige Diagnose der Ärzte: Verlust der linken Hirnhälfte, mehrere Genick- und Gliedmassenbrüche, aber dank der besten Chirurgen dieser Stadt bereits über den Berg.
Verdutzt legt Gunnar die Bränzlich zur Seite und blickt Klara an, ohne die Nachricht weiter zu kommentieren. Gunnar beschlich die Utopie, sich auszumalen wie elendig sich Harmony nun fühlen wird, wenn er aus der Narkose erwacht. Gunnar ist froh, dass er sich gestern nicht weiter um das Geschehen in der Legendenstrasse kümmerte. Hätte Ihm und Klara sowieso nur die Stimmung versaut.

Dienstag, 24. November 2009

Damals im Raps

Neu am Platz war ich, da habe gleich eine Einführung bekommen:
„Nimm einfach ma den ollen Droht hier, friemel den ma auf, dann ziehst Du die Tüte n Büschen hoch und spannst Sie wieder fest“.
Aha.
So läuft es also.
Ich blicke meinen neuen Chef fragend und flehend an. Fragend ist dabei eine „das ist nun also den ganzen Tag zu tun?“ – Komponente und flehend das „sag, dass das nicht wahr ist!“ –Pendant. Dieser Blick, wie eigenartig auch immer er in seiner Gesamtheit ausgesehen haben muss, bleibt unregistriert. Herr S. Petersen kratzt sich mit der Hand innerhalb der ausgeleierten Jeans am Arsch und geht in Richtung seines großen, grünen Treckers. Im Übrigen: sein ganzer Stolz.
Auf einem Rapsfeld irgendwo in Schleswig – Holstein stehe ich nun mit einem Aussteiger aus Hamburg, zwei jungen Studentinnen und 8 ungarischen Gastarbeitern und ziehe Tüten über Rapspflanzen damit diese nicht fremd bestäubt werden. O Ton Sönke Petersens dazu:
„Joa, Du weiss ja wie das mit den Blum und den Bien un so is, nä? Biss ja selber sicher ganz wild dabei, oder was“?
Keine zwei Minuten arbeite ich den vorgegebenen Mechanismus herunter, da bin auch schon das Interesse, der übrigen Feldarbeiter. „Jaah, Frischfleisch“ lechzt es zwischen den etwa dreissig Metern entfernten unterschiedlichen Parzellen hin und her. Aus Faulheit über diese Entfernung hin und her zu brüllen verschiebe ich den Kennen- lernen- Wortwechsel auf die Frühstückspause. Ein Prozess, der in meiner gesamten Beschäftigungszeit nie stattfinden wird.
„Wir machen hier imma schon ne halbe Stunde früher Frühstück“ murmelt jemand hinter mir, während ich gerade ganz konzentriert einem Rapspflänzchen bei der Verhütung helfe. Es ist der Hamburger. Er schlüpft in die Rolle des belesenen Kosmopoliten mit spirituellen Neigungen. „Ey man, der Himmel ist hier so anders“, lamentiert er, während er sich heisses Wasser aus einer Thermosflasche in eine Tasse füllt. Da der Kalender gerade Mitte August anzeigt und der Vormittag sich bereits auf etwa 24 ° C im Schatten erwärmt hat, frage ich mich im Stillen ob er Sie wohl noch alle beisammen hat.
„Nein“ lautet meine eigene geistige Antwort darauf, als ich bemerke, dass er das Wasser trinkt, ohne dass ein Teebeutel vorher drin geschwommen hätte. „Das ist Scheisse, wenn der Körper kalte Flüssigkeiten noch erwärmen muss, dabei verliert er viel gute Energie“, komentiert er seine ganz eigene Art sich im Sommer zu erfrischen.
In der Mittagspause sehe ich den latent Ausgeglichenen dann mit einem großen Teller beladen aus einer der dörflichen Gastwirtschaften. Es gibt Bratkartoffeln und Sauerfleisch. Wohl wegen der vielen guten Energie.
Bei gutem Wetter nutze ich die dreiviertel Stunde Mittagspause gern für ein Nickerchen in der Sonne. Regen führte hingegen zu einem Treffen in einer kleinen Scheune mit Bierbank und Biertischen. Die wortleeren Momente wurden dann mit Pseudoesoterikgebrabbel oder mit kichereigeschwängerten Erzählungen der beiden Lehramtsstudentinnen gefüllt. Dort ging es dann um die Katze, den Freund, die Vorabendserie, das Auto, das Mutti Ihnen überlassen hat, das Zuhause mit den Eltern, die Eltern und das Eltern selber werden wollen. Zeugs mit ganz viel Humorpotential und riesigem Spannungsbogen also.
Mich beäugte man derweil aüsserst behutsam, hatte ich in diesem Umfeld doch wenig zu erzählen und galt somit als der Verschwiegene. Wenn man über den sich ausruhenden, leisen Typen und Freund weniger, freundlicher Worte tuschelte (also über mich), hätte ich liebend gern manchmal „meine Güte, denkt Ihr ich hänge hier mit Euch ab, weil ich Euch alle so furchtbar cool finde?“ gebrüllt und am nächsten Tag gekündigt. Habe ich aber nicht. Wohl wegen der vielen guten Energie. In Form schwarzer zahlen.

Montag, 5. Oktober 2009

E.S.T. – Burghof Lörrach, 08. Mai 2008

Draußen herrschen etwa 27 ° C im Schatten und wer nicht hemdsärmelig gekleidet ist, sollte sich einen suchen um den Stich zu verhindern. Auch ich schlug mit der Wahl der Kleidung fehl. Ein kleines Missgeschick mit der Kaffeetasse, unmittelbar bevor ich losfahre um Sie abzuholen, zwingt mich dazu hektisch noch etwas überzustreifen. Das zweite Missgeschick schließt sich in Form eines Einbahnstraßenschilds an. Das dritte, das zum Glück das letzte des Tages sein wird, folgt mit dem Blitzer in der Katheuserstrasse. Doof, dass der Tacho nicht funktioniert und dass sich Dreißig Kilometer pro Stunde auf dem Fahrrad anders anfühlen.
Wortlos schraubt ein grauhaariger Träger einer rahmenlosen Brille neben mir an einem Stativ. Er richtet eine Kamera auf die Bühne aus, die später eine Nahaufnahme arbeitender Hände auf einen Hintergrund projiziert. Ich wundere mich, dass es auf Sitzfleischkonzerten Konvention zu sein scheint, dass wenige, gezwungene Gespräche von allen geteilt werden. Nervös versuche ich ein großes Bedienelement unmittelbar neben dem Stativ zu identifizieren. Ich scheitere und somit hört die Hübsche wieder einmal belanglosen Stuss aus meinem Mund. Schön ist es, es noch selbst zu merken.
Wanderhalbschuhe betreten die Bühne. Eine Verbeugung. Ohne Begrüßung beginnt ein Gefüge, das Faszination, wie ein Tubus die Luft, in mich hineindrückt. Eine kurze, unsichere Ansage, welche Themen man in der IDSCI0257mprovisation hätte heraushören können, folgt.
Dynamik und Kreativität sind starke Fesseln und ich verstehe nicht, warum der Unbekannte vor mir unruhig sein kann. Nicht dass ich es nicht erwartet hätte, doch treibt mir die Teilnahme an dieser Innovation eine Freude bis unter die Augenlieder. Vielleicht hätten mir, einem Kurzsichtigen, bessere Plätze ein entspanntes Zusehen ermöglicht, doch der Gedanke versiegt und Zufriedenheit stellt sich ein. Der Zwang sitzen bleiben zu müssen wirkt jetzt ebenfalls fesselnd. Zuvor war er schlicht neu.
Soviel träges Klatschen verschwitzter Hände, dass noch einer drauf gesetzt werden muss und beim Versuch mitzumachen merke ich, dass auch meine Hände eher platschen als klatschen. Zum ersten Mal waren sie nicht für mindestens ein viertel des Auftritts in der Hosentasche oder hingen in der Luft, sondern hinterließen rote Abdrücke auf meinen Wangenknochen. Da ich feststelle, dass Sie auf Vinyl nie veröffentlichten, stellt sich mein Einkaufszettel als überflüssig heraus. Ein wenig enttäuscht darüber wird der abendliche Stadtspaziergang zum Fahrzeug angetreten. Die erschöpften Sinne und das Fahren sorgen für Ruhe im Auto. In den 45 Minuten Heimweg geht mir nicht mehr als ein: "verdammt, ich muss noch tanken“, über die Lippen. Schweigen. Ich merkte es selbst.

Sonntag, 26. April 2009

misantropical heat..

zwischen tränen und geköpften weinflaschen spiegelt sich immer wieder diese eine frage im glas. aufwachen und in den hafen gehen war gestern. burnout schon dienstag. heute ist dienstag. und heute ist der erste tag. hol mich doch einfach da raus. seele du pottsau. rückschritt oder doch nach vorn. sind wir denn wirklich so blind und heulen wie die vögel versteckt auf bäumen. greif in die luft. gläserne wände voraus. wir können erkennen. werden es aber nie schaffen. genieße die dinge auch wenn du sie nicht fassen kannst. muss es denn wirklich immer dieser schmerz sein. pack ihn doch in boxen und versteck ihn unter dem bett. lass ihn genau wie unsere ideen verschwinden. die evolution klebt dir an den fersen. schau nicht immer nur nach innen, denn wir müssen unseren platz finden. den platz an der sonne? don't know. wir spielen videospiele während die welt um uns verbrennt.
knips das licht aus und schlafe ein, mitleid. am nächsten morgen ist alles wieder gut. dann höre ich die stimmen längst verblasster freundschaften, die vergilbt in einem alten lagerhaus meines gehirns warten. community is dead. is this the message? kein interface mehr - nur noch elektronisch. tasten die die welt bedeuten. ich versuche zu schreiben. ich versuche wirklich zu schreiben. aber irgendwann ist das neuartige weg. und an seine stelle tritt eine angst; eine schleichende angst. die leute werden überall gleich sein.
verstand auf dem abstellgleis. herz im zug. ich würde gerne ausgehen heute nacht, in neuem kleid und doch ohne dich. genieße die berührung des abschieds, denn es wird die letzte sein. nur zwei zentimeter luft trennen uns von einer gemeinsamen welt. diese sekunde ist reserviert für uns. wie würde sich der sommer anfühlen mit decken über dem kopf. dürre oder sturm ich bin dabei. doch im blick nach vorn stehen wir uns nur selbst im weg. trümmer bleiben trümmer. auch wenn alle mauern schon gefallen sind.
und in wirklichkeit bist du nicht gekommen, weil wir uns nicht mal kennen...

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