Sonntag, 30. Mai 2010

Als Du hättest früher aufstehen sollen

Du rauchst die erste Zigarette des Tages. Sie setzt Dich für eine Weile außer Gefecht. Du genießt wie Sie Deinen Kreislauf auf Schrittgeschwindigkeit reguliert. Dir wird ganz langsam schummrig und Du wünschtest dieses Gefühl könnte sich noch etwas steigern.
Kurz bevor Du die Zigarette aufgeraucht hast, spielst Du mit dem Gedanken eine neue zu drehen und anzustecken. Schließlich ist dieser kurze Moment mit der Rechtfertigung nichts zu tun außer rum zu sitzen, aus dem Fenster zu atmen und zu schauen auch schon fast vorbei. Für einen Augenblick hattest Du das Gefühl einmal wirklich nachdenken zu können. Jetzt gilt es wieder den täglichen Dingen nachzugehen. Dein Geist und Dein Körper wehren sich noch dagegen aufzustehen und weiterzumachen.
Du drückst die Zigarette aus und bleibst einem Moment lang an dem Platz sitzen, der tatsächlich nur von Dir zum Rauchen aufgesucht wird. So oft versuchtest Du schon Dich gegen den immergleichen Gedanken zu wehren, der Dich beschleicht, wenn Du einen dieser Tage durchlebst, die mit verdammten Slow-motion-Zigaretten beginnen. Nun bist Du Ihm schon wieder verfallen. Diese miese Erinnerung an den einen Moment, der partout nicht aus Deinem Kopf entweichen will. Es ereignete sich vor einem Jahr und dieses Scheißjubiläum ist nun auch der Grund warum die Tage, die mit Slow-motion-Zigaretten beginnen, derzeit häufiger werden.
Hinzu kommt, dass Sie Dir gestern eine Nachricht schickte. Sie sprach darin von seiner Existenz und von Freundschaft. Verbittert hast Du Dich gezwungen nicht zu heulen. Dein Verstand erzählt Dir, dass die Menge an Tränenflüssigkeit, die Dir dieser Mensch aus Deinem Gesicht gezogen hat ohnehin schon viel zu groß ist.
Das beste Mittel gegen Heulen (in diesem Punkt kannst Du Dich selbst hervorragend austricksen) ist in Gesellschaft zu sein. Du gehst zu Deinen Mitbewohnern und der Tränendruck lässt augenblicklich nach. Auf dieses persönliche Rezept kannst Du Dich immer verlassen. In Gesellschaft heulen - funktioniert einfach nicht. Dies ist jetzt das probate Mittel. Ihr trinkt Kaffe zusammen und redet über die Ereignisse des Tages.
Dass Du gestern Abend diese Email gelesen hast, dass Du heute Vormittag ungewaschen und melancholisch durch Dein Zimmer geschlichen bist, behältst Du schön für Dich.

Am frühen Abend schenkst Du Dir ein Glas Cabernet Sauvingnon ein und hörst Dir Jimmy LaValles the album leaf – a chorus of storytellers an. Mit Kopfhörern über Deinen Ohren sitzt Du im Schneidersitz vor Deiner Stereoanlage und hörst, den Oberkörper leicht hin und her wippend, die Stücke dieser Platte. Bei fallin from the sun machst Du den Fehler den Text, den Du ohnehin nahezu auswendig kannst im Booklet mitzulesen:


We com so close, when we just miss
We can’t see the Start, we can’t hide the end
Find our way to fall
I can’t see between, I can’t find the need
We com so close, when we just miss
Find our way to fall


Irgendwie hättest Du wissen müssen, was diese Musik mit Dir machen wird, auf welche dummen Gedanken Sie Dich bringen wird.

Dann hast Du Dir dieses Buch geschnappt, in dem Du solange gelesen hast bist Deine Augen einfach zugefallen sind. Eine sichere, wenn auch langwierige, Methode irgendwie in dieser Nacht Schlaf zu finden. Das Licht der kleinen Klemmlampe am Bettrahmen bleibt in solchen Nächten einfach die ganze Nacht an. Der Wecker holt Dich aus dem Schlaf und erinnert Dich daran, dass Du heute Deine Alltagsflucht nicht fortsetzen wirst. Heute bist Du wieder gefragt in diesem Arbeitskreis. Du hast wenig Zeit und die Slow-motion-Zigarette bleibt heute Morgen aus. Hingegen rauchst Du eine Unterwegszigarette. Zu Fuß auf dem Weg zur Bahn.

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