Samstag, 13. September 2008

The Dark Knight - abstrakt.

Das beste Universum ist immer noch das, in dem man nicht oft spüren muss, dass es einem nicht gut geht. Hagens Schmerz war seinem Herrn schon immer vorgekommen, als müsse er sich erst in seinem Körper materialisieren, um richtig zur Geltung zu kommen. Zu seinem Recht. Den Stellenwert einnehmen, den er verdient, als unübersehbares Zeichen der Warnung für später dienen, als etwas, das nicht einfach beiseite geschoben werden kann, in der Annahme, irgendwann in ferner Zukunft könnte es einen Zeitpunkt geben, an dem man sich mit seinem Unrat besser beschäftigen könne.

„Das ist die Nahtstelle, die Verbindung zwischen der heutigen Literaturliste, dem was aktuell unsere Generation definiert, und dem alten Zeug, das immer noch in diesen Literatursendungen auftaucht“, hört Hagen Francesco zu ihm sagen, der hält ihm dazu was eher Dünnes unter die Nase, magere 140 Seiten vielleicht, Hagen schaut nicht auf den Titel, will nicht wissen, was auf dem Cover steht, weil die Gefahr besteht, dass ihm dann ein Buch verloren gehen könnte, eines, das er nicht lesen wird, einfach deswegen, weil es von Francesco kommt. Nahtstelle, Scheisswort, untergebracht in einem Scheisssatz, in dem soviel Schwachsinn steckt, dass man sich wundern muss, woher dieser lächerliche Sack immer wieder die Energie hernimmt, die es ihm erlaubt, seinen geistigen Müll in seine Umwelt zu schleudern. Hagen sagt nichts, natürlich nicht, er hat sowieso in seinem ganzen Leben eher nichts gesagt, was ihm in den unterschiedlichsten Kreisen den Ruf eingebracht hat, ein ganz kleines Licht zu sein. Außerdem zieht seine Schweigsamkeit die Idioten wie Schmeissfliegen an, was bedeutet, dass Hagen viel Zeit damit zubringt, ungewünschte Lehrstunden erteilt zu bekommen, Halbwertszeit gleich Null. Heute heissen die Lehrer alle Francesco, morgen ganz anders, gleich bescheuert. Das ist ein Luxus, den sich zu leisten Hagen vorsätzlich beschlossen hat, er nennt die Arschlöcher heute Francesco und morgen vielleicht Reinhard und die Angeredeten nehmen das hin, als einziges Anzeichen von Hagens vielleicht doch bestehender Extravaganz. Es ist uninteressant geworden, welche Rolle gespielt wird, auf welchen Bauchnabel er sein Testament oder eine Liebeserklärung zu schreiben hat. Ist es eine Lage, in die er sich absichtlich gebracht hat, war es zwingend notwendig, nur ein falsches Gefühl, überhaupt nicht sein Wille, vielleicht nicht mal seine Schuld? Die Zeitspannen zwischen den Gedanken daran werden länger, die Gedanken selbst sind weniger zwingend geworden. Hagen wartet auf den Tag, an dem sie verschwunden sein werden.

Irgendwie ist das unwichtige Gespräch beendet worden, der unwichtige Francesco ist verschwunden, Hagen raus aus der Bibliothek auf der Strasse. Er denkt an einen anderen Menschen, einen, der Bedeutung hat für ihn, der ihn nicht loslässt, obwohl er sich das manchmal wünscht. Manchmal nicht. Der andere Mensch ist immer ein Spiegelbild gewesen, gleichzeitig seine Antithese, ein Fremder und ein Freund, eine Figur in seinem Leben, den er sich immer wieder mit Schrecken ansehen muss, weil er dort so viel erblickt, das er auch in sich erkennt. Die Erinnerung ist ein schreckliches Komödienspiel, der Schmerz in seinen Beinen, viel zu viel Luftfeuchtigkeit, ein Schwanz am falschen Ende der Bestie. Was wird aus ihm, wenn er sein ganzes Ich annimmt? Der Hass, der schlummert, lässt Wände zusammenrücken, wenn er einmal an die Oberfläche tritt. Hagen sieht die Strasse vor sich, jetzt ist er ganz friedlich, die Francescos des heutigen Tages bringen es allein nie fertig, Hagens Temperatur zum Siedepunkt zu treiben, ganz sicher nicht, sie werden es sowieso nie schaffen. Es ist alles ruhig um ihn herum, Hagen selbst ist so still, er entwirft das Konzept seiner gefühlten Geschichte, wie sie ohne ihn weitergeht, ohne und mit ihm, mit Bausteinen, die er hinzufügen wird und ohne diejenigen, die er für diesen Gegenpart entweder für entbehrlich oder gar für störend hält.

Die Füße rasen die Strassen entlang, bis der Bauch schmerzt, bis sie daran erinnert werden, dass sie auch nur Teil eines Ganzen sind und zur Ruhe gezwungen werden. Der Bauch fängt an, sich zusammen zu krampfen, die Lunge brennt wie Hölle. Hagen schaut sich kurz um, blindlings, nimmt seine Umgebung nicht wahr, alles verzerrt sich an ihm, vor Wut und Schmerz. Dann geht er weiter, in rasenden Gedanken, es dauert nicht lange, bis sich sein Gang erneut beschleunigt. Gleich wird er wieder anfangen zu rennen und es ist ihm bewusst, wie scheisse das aussehen muss, scheisse und beunruhigend, wie er mit ausgeglittenen Gesichtszügen durch die Innenstadt heizt. Menschen bleiben irritiert stehen, schauen nach möglichen Verfolgern, nach hinterher hetzender Polizei, dann kommt bestimmt einer, Held des Volkes, der sich ihm in den Weg stellen wird, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Hagen wünscht sich so eine Fresse herbei, betet darum, diese Sau erst umzurennen, zurückzulaufen und seinem Hass den Gefallen zu tun und ihm Erlösung zu bringen. Hagen freut sich über seine lächerlichen Gedanken, narzisstischer Stuss, der sich so lange um sich selbst dreht, bis sein Ego vor Wolllust kotzen geht. Sein Kinn ist nass und klebrig geworden, Hagen lässt den Sabber an seinem Kinn, weil er genau da jetzt hingehört und rennt im engstmöglichen Kreis um eine nicht einzusehende Strassenecke, in der Hoffnung, dahinter steht ein widerlicher Nadelstreifen, ein widerlich stinkender Lastwagenfahrer, ein widerlich nervendes Kleinkind. Alle Träume sind bezahlt.

Hagen lächelt dunkel vor sich hin, weiss, dass die Distanz im Moment gross genug ist, um den Dämon achtlos beiseite zu fegen. Er geht die letzten Schritte bis zu seiner Wohnung. Denkt noch, „welcher Vollidiot hat sich hier gerade eine multiple Persönlichkeit vorgestellt? Wird das den Menschen denn nie langweilig?“

Es ist alles real. Zwei Menschen. Mit unterschiedlichen Jobs, die sich hin und wieder überschneiden.

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