Life of Pi (Yann Martel) - 2001

John Wolf war ein tüchtiger und zynischer Mann. Er verstand sich auf die billigen autobiographischen Assoziationen, die die fanatischen Klatschkonsumenten von Zeit zu Zeit für schöne Literatur erwärmen.
(John Irving, Garp und wie er die Welt sah)
Der Klappentext zu „Schiffbruch mit Tiger“ behauptet doch tatsächlich, dieses Buch würde für eine Zuwendung des Lesers zu Gott verantwortlich sein. Dabei ist doch allgemein bekannt, dass kaum ein Menschenschlag gottloser ist als der des Verlegers. Und zwar keine Gottlosigkeit, die Ergebnis einer sinnsuchenden Irrfahrt ist, mit all den Zweifeln und Widersprüchen, die einen unruhigen, fühlenden Geist bestimmen, sondern eine, die sich mit Gott nie beschäftigt hat, weil sie es nie nötig hatte. Man findet andere anbetungswürdige Kälber in diesem Geschäft. So einen Klappentext zu schreiben, ist zynisch. Die Alternative, dass der Verfasser wirklich hinter dem Mist steht, den er auf dem Buchrücken verzapft hat, lasse ich mal außen vor. Es ist nämlich Schwachsinn. Das ist kein Buch, dass zum Glauben führt. Um dem Autor Yann Martel die Verantwortung zu nehmen, sei gesagt, es ist auch nicht dazu da, Menschen gläubig zu machen. Es ist nur ein dummer Satz auf der Rückseite, der dazu geführt hat, dass der Roman lange gegen meine Vorbehalte kämpfen musste.
Was ist Life of Pi? Zuallererst eine Abenteuergeschichte um einen jungen Inder, der nach einem Schiffsunglück für lange Zeit allein auf hoher See treibt. Einen Gefährten hat er doch, einen bengalischen Tiger. Grosse Teile des Buches verbringt Pi mit den ganz irdischen Unannehmlichkeiten, die so eine Situation wohl mit sich bringt: Hunger, Durst, bengalischer Tiger. Es ist eigentlich eine sehr ungünstige Ausgangssituation für einen Roman, weil es scheint, als könne ein so kleines Boot mit seinen zwei Insassen auf Dauer nicht genug Fesselndes bieten. Aber es ist etwas Faszinierendes an diesen Crusoeschen Aufzählungen von Zwiebackrationen, Taschentüchern, Bindfadenrollen, die zumindest zu Anfang nicht langweilig werden. Später kommt dann doch unweigerlich der Punkt, an dem eine Entwicklung stattfinden muss, die über Essensrationen hinausgeht. Yann Martel wird es auch langweilig und er ergeht sich in fantastischen Spinnereien, erst etwas irritierend, dann überzogen. Es scheint, als habe Martel der Kraft seiner Geschichte nicht recht getraut und bis man den Grund dieses Ausflugs in eine Welt, die man fast genauso bei Walter Moers’ Käpt’n Blaubär gelesen hat, erkennt, ist das Buch am Ende. Man ist erleichtert und enttäuscht zugleich.
Es ist Robinson Crusoe, es ist auch Marlen Haushofers Die Wand. Es ist damit sicherlich mehr als nur ein übellauniges Abenteuer. Es ist ein Entwurf von Einsamkeit und Hoffnung. Es ist eine Geschichte von einem Autor, der, wie zu vermuten ist, viel von seinem eigenen Weltbild in dieses Buch gesteckt hat. Eine Lebensauffassung, die meiner eigenen oft genug gegen den Strich läuft. Eine Darstellung einer Auffassung eines Zusammenlebens der Kulturen und Religionen, die mir andauernd gegen den Strich läuft. Postkartenromantik von einem Leben im Guten, von einem Autor, der stets weise seinen Kopf hin und her wiegt und gewichtige Sätze spricht, die sich schön und einfältig anhören und dann schnell wie Seifenblasen zerplatzen.
pablohonig - 12. Sep, 23:52
