Requiem.
Guten Abend.
Wir sind heute zusammengekommen, um einen Mann zu ehren. Der in seinen zahlreichen, unterschiedlichen Lebensläufen doch so manchen tanzenden Stern geboren hat, wie der gottlose Nietzsche (dem möglicherweise verziehen ist) in seiner Tolldreistigkeit gesagt hat. Treffend, doch, in der Tat.
Viel ist von diesem Mann, der nun vielleicht das Glück hat, im Leichentuch eingewickelt die Messe vom großen Landschaftsgärtner persönlich gelesen zu bekommen, hinterlassen worden. Momente grosser Schönheit, hat er uns geschenkt, mahnende grosse Wörter in funkelnden Neonlettern hat er uns auf den Weg gegeben und doch fragen wir uns manchmal, ob der Widerspruch in uns nicht in seinen Fragmenten und Brüchen öffentlich gemacht wurde, ja, zur Ware geworden ist. Eine Chronik mochte er verfassen, doch was ist es geworden ausser Pünktchen und Komma? Eine Chronik ist kein Gefühl.
(Perspektivwechsel - ohne Konzept/Presto)
Wo ist der Anfang? Wir haben immer nur das Ende geschrieben und ein Buch, einen Film, sogar ein Bild auf dieses Ende hin bearbeitet. Das ist der Unterschied zwischen deinem Traum und unserer Wirklichkeit. Schreib den Anfang und komme immer wieder darauf zurück, wenn Du musst. Müssen hättest du immer wieder, doch Dich hat es andauernd zum Ende gezogen. Aber mit dem Ende kann man sich nur den Hintern abwischen. Zu mehr ist das Ende nicht gut.
Dieser Mensch hat viele Enden gehabt. Er hat sich dafür teilen müssen, immer wieder teilen. Nicht reproduziert hat er sich, um Neues aus Altem zu schaffen, diese Kraft hat er nie besessen, er konnte nur Schicht um Schicht seines Selbst abtragen. Diese Schichten waren eigenständig und doch aus demselben Material, von derselben Kraft und Schwäche durchzogen. Tolstoi, der nicht ganz so lange wie sein wahnsinniger deutscher Kollege brennende Luft ertragen muss, hat über seinen Bruder gesagt, dass er die gleiche Stärke gehabt habe wie er selbst. Aber er hatte vergessen seine Schwächen zu pflegen und wachsen zu lassen und so sei aus ihm nur ein glücklicher Ehemann und Vater von drei sehr brauchbaren Kindern geworden. Nun ist das alles überhaupt nicht tragisch, es fällt nur auf, dass man Schwäche immer gedeihen lassen kann, und es liegt in der seligen Natur des Menschen, sich andauernd dorthin hingezogen zu fühlen, wo das trübste Unkraut spriesst. Diese Pflanzen haben auch einiges für sich, sind sie doch stark und nur schwer zu brechen und Mensch kann sich einen vernünftigen Schutzschild aus ihnen bauen. Nun hat er sich die Schwäche umgekehrt und kann gewissenlos durchs Leben von anderen Menschen pflügen.
Ich schweife ab und erzähle zuviel von der Schwäche. Ich gehe nochmals zum Anfang (seht Ihr, meine Gäste und zugereisten Betroffenen, wie jeder immer wieder zu seinem eigenen Heil nur zum Anfang zurückkehren sollte?). Nein, die Schwäche hat nicht die Kraft als Gegenpart auszuhalten, sondern die Ermangelung von Kraft. Warum das so ist, müssen sie gelehrtere Leute fragen, ich habe diesen Satz zwar erfunden und geprägt, aber es bisher versäumt, darüber nachzudenken. Es gibt aber genügend geistreiche Männer und Frauen ausserhalb dieser Kirche, die das für wenig Geld gerne tun. Bestimmt kommen sie auch zu einem Ergebnis, nicht alle, aber mindestens einer, auch zu der Bestätigung meiner These. Wahrscheinlich einer von der Zeitung.
Die Ermangelung von Kraft. Davon gibt es viel. An Ermangelung fehlt es nur wenigen Menschen. Und die beklagen sich auch nicht darüber. Sie gehen einfach weiter nicht in die Kirche. Es gibt aber auch solche, die nicht in die Kirche gehen und Ermangelung besitzen, sie aber nirgends finden. Dabei haben sie sehr sorgfältig gesucht, sogar bei sich selbst. Diese Menschen bauen Kathedralen für Glaubensgemeinschaften, die kurze Zeit später auf Jahrmärkten zusammen mit Gänseleberpastete verkauft werden. Die Gotteshäuser stehen leer und still, was sollen sie auch schreien, aufregen bringt ja doch nichts.
Worauf ich hinauswill? Ich möchte meinen, dieser Mann, der da geschminkt in seinem herausgeputzten Aufzug vor uns liegt, war solch ein Mensch. Er wollte grosse Häuser bauen und nun zum Schluss hin hat er mitansehen müssen, wie sie ihm vor der Nase zusammengefallen sind. Und er hat das Ende doch so sehr geliebt, und dann hatte sich das Ende auf seine Bauten gesetzt und ihn gleich mitgenommen. Jede Schicht. Wir sitzen jetzt hilflos hier und müssen die Schichten zusammensetzen, die Steinchen, die immer noch gut zusammenpassen, weil sie viel Ermangelung von Kraft besaßen und sich nicht unabhängig voneinander weiterentwickelt haben. Aber es sind leider sehr viele und ich befürchte, selbst wenn wir alle Teile haben, haben wir nicht alle Teile, weil dieser arme Mann nie ganz war. Er ist nicht fertig geworden, er hat sich nur mit viel Wolle überdeckt und so seine leeren Räume durch die Stadt getragen.
So gibt es keine Chronik von ihm und es wird auch keine über ihn geben. Nur Notizzettel. Das ist schade, aber nicht zu ändern.
Wir können nur hoffen, dass sein Leichentuch keine Löcher hat.
Gute Nacht.
Wir sind heute zusammengekommen, um einen Mann zu ehren. Der in seinen zahlreichen, unterschiedlichen Lebensläufen doch so manchen tanzenden Stern geboren hat, wie der gottlose Nietzsche (dem möglicherweise verziehen ist) in seiner Tolldreistigkeit gesagt hat. Treffend, doch, in der Tat.
Viel ist von diesem Mann, der nun vielleicht das Glück hat, im Leichentuch eingewickelt die Messe vom großen Landschaftsgärtner persönlich gelesen zu bekommen, hinterlassen worden. Momente grosser Schönheit, hat er uns geschenkt, mahnende grosse Wörter in funkelnden Neonlettern hat er uns auf den Weg gegeben und doch fragen wir uns manchmal, ob der Widerspruch in uns nicht in seinen Fragmenten und Brüchen öffentlich gemacht wurde, ja, zur Ware geworden ist. Eine Chronik mochte er verfassen, doch was ist es geworden ausser Pünktchen und Komma? Eine Chronik ist kein Gefühl.
(Perspektivwechsel - ohne Konzept/Presto)
Wo ist der Anfang? Wir haben immer nur das Ende geschrieben und ein Buch, einen Film, sogar ein Bild auf dieses Ende hin bearbeitet. Das ist der Unterschied zwischen deinem Traum und unserer Wirklichkeit. Schreib den Anfang und komme immer wieder darauf zurück, wenn Du musst. Müssen hättest du immer wieder, doch Dich hat es andauernd zum Ende gezogen. Aber mit dem Ende kann man sich nur den Hintern abwischen. Zu mehr ist das Ende nicht gut.
Dieser Mensch hat viele Enden gehabt. Er hat sich dafür teilen müssen, immer wieder teilen. Nicht reproduziert hat er sich, um Neues aus Altem zu schaffen, diese Kraft hat er nie besessen, er konnte nur Schicht um Schicht seines Selbst abtragen. Diese Schichten waren eigenständig und doch aus demselben Material, von derselben Kraft und Schwäche durchzogen. Tolstoi, der nicht ganz so lange wie sein wahnsinniger deutscher Kollege brennende Luft ertragen muss, hat über seinen Bruder gesagt, dass er die gleiche Stärke gehabt habe wie er selbst. Aber er hatte vergessen seine Schwächen zu pflegen und wachsen zu lassen und so sei aus ihm nur ein glücklicher Ehemann und Vater von drei sehr brauchbaren Kindern geworden. Nun ist das alles überhaupt nicht tragisch, es fällt nur auf, dass man Schwäche immer gedeihen lassen kann, und es liegt in der seligen Natur des Menschen, sich andauernd dorthin hingezogen zu fühlen, wo das trübste Unkraut spriesst. Diese Pflanzen haben auch einiges für sich, sind sie doch stark und nur schwer zu brechen und Mensch kann sich einen vernünftigen Schutzschild aus ihnen bauen. Nun hat er sich die Schwäche umgekehrt und kann gewissenlos durchs Leben von anderen Menschen pflügen.
Ich schweife ab und erzähle zuviel von der Schwäche. Ich gehe nochmals zum Anfang (seht Ihr, meine Gäste und zugereisten Betroffenen, wie jeder immer wieder zu seinem eigenen Heil nur zum Anfang zurückkehren sollte?). Nein, die Schwäche hat nicht die Kraft als Gegenpart auszuhalten, sondern die Ermangelung von Kraft. Warum das so ist, müssen sie gelehrtere Leute fragen, ich habe diesen Satz zwar erfunden und geprägt, aber es bisher versäumt, darüber nachzudenken. Es gibt aber genügend geistreiche Männer und Frauen ausserhalb dieser Kirche, die das für wenig Geld gerne tun. Bestimmt kommen sie auch zu einem Ergebnis, nicht alle, aber mindestens einer, auch zu der Bestätigung meiner These. Wahrscheinlich einer von der Zeitung.
Die Ermangelung von Kraft. Davon gibt es viel. An Ermangelung fehlt es nur wenigen Menschen. Und die beklagen sich auch nicht darüber. Sie gehen einfach weiter nicht in die Kirche. Es gibt aber auch solche, die nicht in die Kirche gehen und Ermangelung besitzen, sie aber nirgends finden. Dabei haben sie sehr sorgfältig gesucht, sogar bei sich selbst. Diese Menschen bauen Kathedralen für Glaubensgemeinschaften, die kurze Zeit später auf Jahrmärkten zusammen mit Gänseleberpastete verkauft werden. Die Gotteshäuser stehen leer und still, was sollen sie auch schreien, aufregen bringt ja doch nichts.
Worauf ich hinauswill? Ich möchte meinen, dieser Mann, der da geschminkt in seinem herausgeputzten Aufzug vor uns liegt, war solch ein Mensch. Er wollte grosse Häuser bauen und nun zum Schluss hin hat er mitansehen müssen, wie sie ihm vor der Nase zusammengefallen sind. Und er hat das Ende doch so sehr geliebt, und dann hatte sich das Ende auf seine Bauten gesetzt und ihn gleich mitgenommen. Jede Schicht. Wir sitzen jetzt hilflos hier und müssen die Schichten zusammensetzen, die Steinchen, die immer noch gut zusammenpassen, weil sie viel Ermangelung von Kraft besaßen und sich nicht unabhängig voneinander weiterentwickelt haben. Aber es sind leider sehr viele und ich befürchte, selbst wenn wir alle Teile haben, haben wir nicht alle Teile, weil dieser arme Mann nie ganz war. Er ist nicht fertig geworden, er hat sich nur mit viel Wolle überdeckt und so seine leeren Räume durch die Stadt getragen.
So gibt es keine Chronik von ihm und es wird auch keine über ihn geben. Nur Notizzettel. Das ist schade, aber nicht zu ändern.
Wir können nur hoffen, dass sein Leichentuch keine Löcher hat.
Gute Nacht.
pablohonig - 10. Sep, 14:07
