Celluloid

Donnerstag, 9. Januar 2014

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LINCOLN

sehr könnerhaftes Drama, das auf jeglichen schnickschnack verzichtet und in der Ruhe liegende Kraft zum ???`? erhebt. So wird Day Lewis, der dafür bekennt ist, Filme zu „tragen“, aber auch zu beherrschen, zu seiner vermeintlich zurückgenommensten Schauspielleistung gezwungen oder verleitet oder inspiriert. Der Day Lewis, der so gerne und so gut kracht und scheppert, ist als Lincoln leise, ohne eigentlich reduziert zu sein – ein Schauspiel, das in seinem Rückgriff auf einstudierte Darstellungen und festes Regelwerk (siehe auch Jamie Foxx als Ray Charles) erwartbar wird und wenig Platz lässt für Verwunderung über den Zauber unkapriziöser Schauspielerleistungen Manchmal fast nicht zu ertragen, diese Nervigkeit in Stimme und Habitus dieses „grundguten“ Märchenlincolns (Suchsland, http://www.heise.de/tp/artikel/38/38423/1.html), dem der Widerspruch zwischen Dichtung und Wahrheit bzgl. Freiheit und Sklaverei als Beispiel für eine sich auf Eigentum konstituierende Nation, so völlig abgeht.

Wenn man dazu kommt, was denn eigentlich eindrücklich sein soll an diesem Film, an dem so nichts falsch ist, sind es doch die paar Momente Kino-Konvention, die immer gut funktionieren: Wenn sich die Sklaven-Hausfrau, die aber auch viel mehr als nur das zu sein scheint, enttäuscht abwendet ob der plötzlichen Kompromissfähigkeit des kompromisslosen Demokraten Stevens, zeugt das ein Bild, das eigentlich in einem Film wie diesem längst zu überwunden geglaubten....


Überhaupt Stevens, überhaupt Tommy Lee Jones: Eigentlicher Star des Films: HÄSSLICH UND ALT, wie selten gelungen. Ist natürlich auch Märchen, logisch. Aber mal nicht nur „Schulkino“ (ebenso Suchsland).

Stattliches Negerregiment auch.

Freitag, 26. September 2008

Science of Sleep (2005)/Skammen (1968)

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Regie: Michel Gondry
Drehbuch: Michel Gondry
Darsteller: Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Emma de Caunes, Aurélia Petit, Sacha Bourdo



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Regie: Ingmar Bergman
Drehbuch: Ingmar Bergman
Kamera: Sven Nykvist
Darsteller: Liv Ullmann, Max von Sydow, Sigge Fürst, Gunnar Björnstrand


Der Träumer. Ein fantasiebegabtes Wesen. Leidenschaftlich. Ein Kind, dass es geschafft hat, (fast) allen langweiligen Begleiterscheinungen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt, aus dem Weg zu gehen. Du und deine Welt. Komm mich mal besuchen, sei fasziniert und auch ein bisschen verliebt. Diese vielen bunten Farben, kein Ufer und keine Grenzen.

Kennst Du die "Belastungssituation"? Kommst Du nicht mit ihr zurecht? Läufst Du mit dem Kopf durch die Wand. Triffst Beschlüsse, die jeglicher Vernunft entbehren. Die ach so sympathische Unlogik nervt. Verursacht Katastrophen. Der ungebetene Verwandte des Traumes klopft und tritt ein, die Psychose sagt "Guten Tag" und setzt sich auf die Couch.

Die Belastung verschärft sich. Du rennst rum und machst schlimme Sachen. Das Kind denkt nur an sich. Jäh in die Realität zurück geworfen, versucht es, den Kopf tief in den schützenden Arm der Mutter zu drücken. Hier ist es noch warm, sollen sie ihr doch das Gesicht zerfetzen, mir ist es gleich. Hier ist es warm.

Die Situation erfordert den Entschluss zum Handeln. Der Träumer handelt auf seine Weise, konfus, nicht nachvollziehbar, schrecklich. Das Kind bringt den Tod, wenn es muss. Denn es ist seine Welt, eine andere kennt es nicht. Die Regeln sind festgesetzt, denn ja, es gibt Regeln im kindlichen Paradies, zumindest die eine, Keep your borders clean.

Sonntag, 14. September 2008

Vargtimmen (1968)

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Regie: Ingmar Bergman
Drehbuch: Ingmar Bergman
Kamera: Sven Nykvist
Musik: Lars Johan Werle
Darsteller: Max Von Sydow, Liv Ullmann, Erland Josephson, Ingrid Thulin


Es gibt einen Satz in der Bewertung von Kunst, den ich eigentlich nicht mehr hören kann, der sich irgendwie anhört wie „man muss dieses Werk auf eine übergeordnete Stufe heben, daraus eine Wahrheit ableiten, die allgemein zu verstehen ist und nicht klar aufgezeigt wird“. Im Mainstream werden diese Gedanken zur Pauschalantwort „Den Film kann man überhaupt nicht verstehen“ und jeder, der einmal nach einem David Lynch-Film beim Rausgehen den Kommentaren anderer Kinogänger gelauscht hat, weiss, was ich meine. Surrealismus oder Postmoderne werden auch im 21. Jahrhundert noch mit Schulterzucken angenommen. Besser wäre doch Angstschweiß. Zurück zum Anfang, den Satz, den ich in dieser oder einer anderen Form nicht hören will, denke ich zumindest oft genug.

Vargtimmen (Ingredients):

- Realität
- Vision
- (Alb)traum
- Mythos
- Erinnerung

Vargtimmen spielt im Hier und Jetzt. Aber auf einer friesischen Insel, es ist eine karge, zerklüftete Felslandschaft. Nur eine altertümliche Hütte für den Künstler Johan und seine Frau Alma dient als Behausung. Sonstige Anzeichen von Zivilisation: Erstmal keine. Aus dem faktischen Heute wird ein gefühltes Mittelalter, das man von Bergman kennt, ein konzentriertes Altertum, eine verdichtetes Schreckensbild von heidnischen Riten und Mythen, in dem ein rationales Weltbild keinen Platz hat. Dunkel ists an diesen Orten, Furcht einflössend. Bergmans Schwarzweiss ist in diesem vorchristlichen Kontext das schrecklichste Schwarzweiss, dass es gibt.

Nach dem Weg zurück in der Zeit passiert mit Vargtimmen das, was mit jedem Bergman-Film passiert, der in einer Vergangenheit spielt, die angemessen genug entfernt ist, um einem Werk normalerweise den Titel „Historienfilm“ zu verpassen: Er benutzt das Szenario, um zeitgenössische Themen zu behandeln. Das Aussen wird zum Innen, die Landschaft zur Stimmung, der offensichtliche Horror zum Spiegelbild der Seele. Oberfläche? Innenleben? Wahrheit? Trugbild? Metaebene? (hier diesen bescheuerten Satz von oben einfügen)

Ein großer, schauderhafter Film.

Donnerstag, 11. September 2008

Volver (2006)

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Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Produktion: Esther García
Darsteller: Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Yohana Cobo, Blanca Portillo



Eine Armee von meist älteren Frauen putzt die Grabsteine ihrer Verblichenen. Wahrscheinlich die von Männern, ihren Männern, die wahrscheinlich üble Schweine waren. Ein Film von Pedro Almodovar zeigt den Mann nur selten in einem guten Licht und um dem wohl vorzubeugen, lässt er sie in Volver fast gänzlich weg, zumindest als Gestalten in Fleisch und Blut. Aber Männer sind nun mal Teil der Geschichten, die Almodovar so gerne erzählt, sie sind oft sogar der Grund, warum diese Geschichten so erzählenswert sind, sie sind die Ursache, und: Sie sind üble Schweine. Nachdem sie ihre Sauereien erledigt haben, sind sie abgehauen. Verschwunden, gestorben, wie auch immer. Übrig bleiben die Frauen, um die Drecksarbeit zu erledigen, den Fußboden wischen, die Kühlkammer verbuddeln.

Allein in einem Dorf, das laut Statistik prozentual gesehen die meisten Verrückten in Spanien hat. Das liegt vielleicht am fiesen Wind, der ständig weht, oder wer weiß was sonst die Ursache ist, dass so viel Trauer und Tod in den Geschichten der Menschen dort ist. Die Frauen aus diesem Dorf haben jede ihre eigene Geschichte, die auch jede wieder mit der Geschichte des Dorfes und die der anderen Frauen zu tun hat. Keine dieser Geschichten ist vollständig, jede Frau besitzt einen Schlüssel, kann ein kleines Loch stopfen. Nur um festzustellen, dass sie keine Löcher stopfen, sondern Wunden wieder aufreißen. In der Erinnerung strahlt die Vergangenheit wenigstens ein kleines Stückchen heller.

Alles kommt zurück. Die Konfrontation mit der Wirklichkeit zerstört die Illusion von einer idyllischen Kindheit, einem zufriedenen Familien- oder Eheleben. Die Gräber, an denen die Frauen stehen, sind Mahnmale und es ist gut, dass die, die unter den Steinen liegen, nicht mehr sind, die Zurückgebliebenen trauern nicht nur, sie vergewissern sich auch, dass die Toten und ihre Geschichten nicht mehr zurück an die Oberfläche kommen. Aber wie das so ist mit nicht abgeschlossenen Dingen, sie kommen doch, die Geister, lassen keine Ruhe, Geister und Dämonen, die immer noch bereit sind, die Lebenden zu quälen.

Das Leben an der Oberfläche von den Frauen in Volver ist nur eine fadenscheinige Biographie, ein Schleier vor dem erlebten Unglück. Sie haben gelernt, still zu halten, sich alleine dem Kummer zu überlassen. Aber es passieren Dinge, die eine Kettenreaktion auslösen, die immer mehr Unrat ans Tageslicht bringen. Schliesslich steht sie da, die nackte Wahrheit, die zusammengeknüpfte Geschichte, die alle Frauen in Volver betrifft. Und die Wahrheit ist schmutzig. Besser als vorher? Bestimmt, das hat der Mensch gelernt, besser ist es, mit der hässlichen Realität von anderen Menschen konfrontiert zu werden als die billige, aber gutaussehende Fassade vor Augen zu haben. Ist erstmal alles raus, kann man Hoffnung schöpfen, wenn man nicht daran denkt, dass jetzt zwar alles aufgelöst ist und man sich guten Gewissens in die Augen schauen kann, die Zukunft aber doch wieder die gleiche Scheisse bereit hält. Gelernt wird selten, aus Fehlern sowieso nicht.

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